Startseite · Interview · Gefragt
RONDO: Frau Fischer, demnächst werden Sie auch als Pianistin debütieren. Haben Sie nicht genug zu tun?
Julia Fischer: Um Gottes willen! Ich werde ein bisschen Klavier spielen. Gucken wir mal, was dabei herauskommt. Aber ich habe mir geschworen, ich spiele nur einmal öffentlich Klavier. Und bevor Sie sich weiter Gedanken machen: Dirigieren werde ich niemals. Man sollte ernst nehmen, was man tut.
RONDO: Sie waren einmal in Glenn Gould verliebt. Aber der war schon längst nicht mehr am Leben?!
Fischer: Es war platonisch. Ein Jugendidol. Aber nicht weil er gut aussah, sondern weil er ein toller Musiker war. Ich bewunderte, dass er so unkonventionell war und sich keinen Traditionen unterwarf. Außerdem übertrug Gould eine glasklare Artikulation aufs Klavier.
RONDO: Als Sie 21 waren, haben Sie einmal gesagt: »Es gibt zu viel Lob und zu wenig fundierte Kritik.« Immer noch?
Fischer: Wenn ich gewusst hätte, dass ich so oft darauf angesprochen werde … Ich glaube, ich habe nur gesagt: »Ich höre nicht auf ein Lob.« Denn man wird von den meisten Menschen, die man als Künstler um sich hat, nur gelobt. Das ist ein Problem. Leider ist auch die Kritik nicht immer aufrichtig. Mich stört halt, wenn sie persönlich wird.
RONDO: Ich habe Sie nach dem Konzert schon mit Teebeuteln werfend im Restaurant erlebt. Ist diese Phase vorbei?
Fischer: Ich kann auch sehr diszipliniert sein. Aber grundsätzlich könnte das immer noch vorkommen. Ich hab auch schon mal mit Semmeln geworfen. Man darf doch auch Kind bleiben, oder?
RONDO: Das Äußere wird bei Klassikkünstlern immer wichtiger. Fürchten Sie manchmal, dass man Ihrem Aussehen applaudiert, obwohl Sie für Ihre Musik gelobt werden wollen?
Fischer: Welche junge Frau möchte denn nicht gut aussehen? Im Konzertsaal sollte dies aber keine Rolle spielen. Ich empfinde die Bezeichnung »Geigengirlie« als Beleidigung. Das wird aber, seit ich Professorin bin, nur noch selten über mich gesagt. Wenn ich auf die Bühne gehe, tue ich das als Dienerin der Musik.
RONDO: Der Markt sondert heute die Talente noch brutaler wieder aus als früher. Fürchten Sie das?
Fischer: Ich bin von Natur aus weder nervös noch hysterisch. Ich bin selbstsicher gr0ß geworden. Mein Glück bestand darin, in einem musikalischen Haushalt aufgewachsen zu sein. Ich bin daher nicht naiv in den Beruf hineingegangen. Meine erste schlechte Kritik lautete: »Technisch brillant, musikalisch stinklangweilig.«
RONDO: Können Sie mit Misserfolgen umgehen?
Fischer: Ich habe mein erstes schlechtes Konzert gegeben, als ich acht Jahre alt war. Es war bei »Jugend musiziert« in Bayreuth, die »Symphonie espagnole« von Lalo. Meine Mutter begleitete. Auf der G-Saite kam plötzlich kein Ton. Alles quietschte. Es war eine absolute Katastrophe, ich habe nur geheult. Meine Mutter sagte mir: »Das muss auch mal passieren. Freu dich für deine Freunde und gratuliere ihnen. Du kriegst ein Eis und ein Kuscheltier.« Ich wurde verwöhnt und getröstet. Und ob Sie es glauben oder nicht: Ich bekam trotzdem den ersten Preis. Das war das erste Mal, dass ich begriffen habe, dass nichts objektiv ist. Von da an habe ich nichts mehr zu ernst genommen. Man muss ehrlich zu sich sein und nicht spielen, um bewundert zu werden. Sonst verliert man die eigene Balance.
RONDO: Tritt man in Ihrer Generation mit dem Vorsatz an, so gut wie »die Mutter« zu werden?
Fischer: Tatsächlich ist Anne-Sophie Mutter in meiner Generation gleichsam unvermeidlich ein Vorbild. Ich habe ihre Aufnahmen regelrecht gesammelt. Ich habe alles zuerst mit ihr gehört. Sie war ja auch so präsent. Mit 15 habe ich damit aufgehört. Meine Lehrerin hat’s immer sofort herausgehört, wenn ich wieder eine CD der Werke gehört hatte, die ich gerade studierte. Schon als ich neun war, hat sie es strikt untersagt. Im Übrigen bin ich mit den Vorbildern meiner Mutter aufgewachsen. Mit Swjatoslaw Richter und Emil Gilels. Ich liebe Oistrach und Leonid Kogan. Und Gulda und Wilhelm Kempff bei Beethoven. Kempff hat am schönsten von allen auf dem Klavier gesungen. Sie sehen, bei mir gehen wirklich Violine und Klavier munter durcheinander.
Pentatone/Codaex
Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.
An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.
Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.
Robert Fraunholzer, 12.07.2014, RONDO Ausgabe 5 / 2007
Sie waren einst, auf den Bühnen der Konzertarenen dieser Welt, zusammen mit Kollege José Carreras […]
zum Artikel
Ein eigener musikalischer Dialekt
Das Neujahrskonzert im goldenen Saal des Wiener Musikvereins ist das populärste Ereignis der […]
zum Artikel
Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer
Walter Braunfels’ Oper „Die Vögel“ ist ein Meisterwerk voll später Tonalität. Durch Lothar […]
zum Artikel
Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion
An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.
Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.
Der spätbarocke Dichter Barthold Heinrich Brockes (1680–1747) begründete seinen Ruhm durch die 1712 entstandene Passionsdichtung „Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus“. Mit dieser hochemotionalen Schrift war er so erfolgreich, dass gleich 13 zeitgenössische Komponisten diese vertonten, darunter Händel, Keiser, Mattheson und Stölzel. Auch Georg Philipp Telemann lernte den Text 1716 kennen und schrieb in seiner Autobiographie, dass „dessen Poesie von allen […] mehr