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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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Lorin Maazel

Der Ausbrecher

Bevor Lorin Maazel im September mit seinem New York Philharmonic Orchestra auf Deutschlandtournee geht, traf ihn Robert Fraunholzer beim Vail Valley Music Festival in den Rocky Mountains und sprach mit ihm über schlechte Dirigenten, gute Schlagtechnik und seine Schwäche für Gustavo Dudamel.

RONDO: Herr Maazel, Ihre Homepage heißt »maestromaazel.com«. Tatsächlich verkörpern Sie einen eher autoritativen Maestrotypus. Kultivieren sie das – oder ist es Ihnen kaum bewusst?

Lorin Maazel: Ich pflege mein Image nicht. Ich pflege nicht einmal meine Homepage, obwohl es mich eine Weile lang gereizt hat, über China und Korea zu schreiben. Denn das war eine politisch und menschlich überaus faszinierende Erfahrung. Jetzt bin ich in den Ferien und müsste eigentlich wieder schreiben. Aber wissen Sie was: Ich denke nicht einmal daran. Ich will Tennis spielen.

RONDO: Nehmen Sie wahr, dass jüngere Dirigenten heute anders wirken?

Maazel: Ja, ich nehme es wahr. Und ich finde, die Maestros von heute sind viel zu lieb geworden.

RONDO: Zu lieb?

Maazel: Natürlich. Menschlich ist das Liebsein ja eine schöne Sache. Aber die Ausübung des Dirigentenberufes hat damit nichts zu tun. Was der Musiker von mir verlangt, ist – erschrecken Sie nicht – Führung. Eine Lösung für die Probleme des Spielens und der Interpretation. Dirigenten, die versuchen, geliebt zu werden, gehen unter. Man glaubt, wenn man den Musikern schmeichelt, würde man anerkannt. Aber das Gegenteil ist der Fall.

RONDO: Sie sprechen sehr wenig während der Proben.

Maazel: Ja, nur wenn es sein muss. Ich bin in Pittsburgh aufgewachsen, wo lange Jahre der Dirigent Fritz Reiner gewirkt hat. Er war ein Pultdiktator und persönlich ein sehr unangenehmer Mensch. Aber ein fantastischer Dirigent. Ihn habe ich jahrelang beobachtet – und viel gelernt. Er hat fast nur den einen Satz gesagt: »Du bist gefeuert.« Dann rückte ein anderer Musiker vor. Reiner war schlimm und vorbildlich zugleich.

RONDO: Ihre Schlagtechnik gilt als eine der besten der Welt. Wenn man Sie beobachtet, denkt man: Alles eine Frage des Handgelenks.

Maazel: Stimmt. Bloß habe ich an meine Technik niemals gedacht. Ich weiß, was ich haben will, und irgendwie finde ich die richtige Bewegung, um es mitzuteilen. Ich glaube, dass ich nie zweimal dieselbe Bewegung mache. Ich bin Realist und reagiere als solcher – nur eben ziemlich schnell.

RONDO: Sie wirken sehr lässig beim Dirigieren – aber wirken dadurch auch abgehoben und distanziert. Diese Feststellung ist nichts Neues für Sie, oder?

Maazel: (lacht) Leider nein. Das Problem ist: Warum soll man eine große, weit ausholende Bewegung machen, wenn eine kleinere ausreicht. Und es gibt noch einen weiteren Grund für eine zurückhaltende Gestik. In dem Augenblick, wo ein Dirigent die Musiker aus ihrer inneren Unruhe befreit, hat er gewonnen. Wenn ich als Dirigent gut bin, atmet der Musiker tief durch und spielt tausendmal besser.

RONDO: Täuscht es, oder hat Herbert von Karajans Klangästhetik eine ganze Generation von Dirigenten, also auch Sie, geprägt?

Maazel: Besonders Strauss’ »Elektra« oder den »Rosenkavalier« habe ich nie schöner dirigiert gehört als von Karajan. Von einem Einfluss würde ich aber nicht sprechen. Dafür hat Karajan später zu sehr übertrieben. Ich verurteile das nicht. Künstler sind immer Übertreibungskünstler. Leider ist davon in der Gegenwart nur noch wenig zu spüren. Unter jüngeren Dirigenten herrscht ein fataler Hang zur Manieriertheit. Sie ahmen sich selbst nach. Daraus folgt, dass Dirigenten heute ihre Profi lneurosen dirigieren und nicht mehr das Stück.

RONDO: Gibt es jüngere Dirigenten, die Sie dennoch schätzen?

Maazel: Alle reden von Gustavo Dudamel. Auch ich muss sagen: Was für ein leidenschaftliches, spontanes, vor Kreativität überschäumendes Talent. Auch wenn ich skeptisch bin, ob sich Dirigentenkarrieren heute noch gut entwickeln können. Oft geht es zu schnell, manchmal allerdings auch zu langsam.

RONDO: Ihre Oper »1984« ist von etlichen Kritikern verrissen worden. Würden Sie ein solches Risiko noch einmal eingehen?

Maazel: Doch, ich bereite zwei neue, große Kompositionen vor. Dass darunter eine Oper sein könnte, würde ich nicht ausschließen.

RONDO: Wie geht es weiter mit Ihnen, wenn Sie das New York Philharmonic Orchestra demnächst abgeben werden?

Maazel: Ich werde weitermachen. Nur habe ich keine Lust mehr, den Chef zu spielen. Ich will vom Leben noch etwas haben. Ich bin wohl ein später Ausbrecher aus meinem Beruf.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2008



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin.
Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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