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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



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Das Quatuor Ébène

Freiheit, die ich meine

Sie sind »Interpreten, die alles können«, sagt Schauspieler Gerd Wameling beim Interview in diesem Heft. Das Quatuor Ébène spielt Jazz für die Freiheit und Bach für die Klarheit. Mit diesem Trainingsprogramm haben es die vier Franzosen ganz nach oben geschafft. Jörg Königsdorf traf das Streichquartett Quatuor Ébène beim Musikfestival Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin.

Sie tragen Jeans und Turnschuhe, und auch die schwarzen Hemden sind ein gutes Stück weiter aufgeknöpft, als es die Etikette für klassische Musiker eigentlich erlaubt. Schon die Aufmachung des Quatuor Ébène signalisiert, dass den Besuchern des Schweriner Schelfstadtspeichers ein besonderer Abend bevorsteht: Nicht Haydn und Bartók, sondern ihre Lieblingszugaben aus Jazz und Filmmusik haben die vier Franzosen für ihren Auftritt beim Musikfestival Mecklenburg-Vorpommern zum Programm gebündelt, Standards von Miles Davis und Wayne Shorter sind dabei, aber auch ihr eigenes Arrangement aus Quentin Tarantinos »Pulp Fiction«. Musik, in der Notentreue eine kleinere und Improvisation eine größere Rolle spielt als sonst, und die den Ebènisten daher besonders wichtig ist. Jazz, erklärt Raphaël Merlin, sei für sie so etwas wie das eine Ende der Skala und der Gegenpol zu den Bachchorälen, die als Einspielübung vor fast jedem Konzert stehen. Ohne Vibrato, in wechselnden Instrumentenpaarungen, solange bis die Intonation lupenrein ist, erläutert der Cellist.
Jazz für die Freiheit, Bach für die Klarheit, mit diesem Trainingsprogramm haben es die vier Franzosen in den letzten neun Jahren ganz nach oben geschafft. Nach einigen Personalwechseln, wie sie die meisten Quartette in ihrer Gründungsphase durchmachen, formierten sich Merlin, der Bratscher Bratscher Mathieu Herzog und die beiden Geiger Pierre Colombet und Gabriel Le Magadure 2002 zur festen Besetzung. Alle vier hatten am Konservatorium von Boulogne-Billancourt bei Paris studiert und sie alle hatten dort ein Interesse an Kammermusik eingeimpft bekommen, die an französischen Hochschulen sonst eher eine Nebenrolle spielt. »Wir kannten uns bereits während des Studiums, mit Mathieu habe ich schon nächtelang über unseren Lieblingskomponisten Fauré diskutiert, bevor die einen neuen Cellisten suchten. Und tatsächlich habe ich das Quartett damals oft an der Hochschule im Nebenraum proben gehört und mir gewünscht, einmal dazuzugehören.« Inzwischen gehört Merlin mehr zum Quartett, als er es sich vermutlich je vorgestellt hätte: Seit dem Sieg beim ARD-Wettbewerb 2005 gehört das Ebène zu den gefragtesten Streichquartetten seiner Generation und spielt mit etwa 120 Konzerten pro Saison am absoluten Kapazitätslimit. Seine drei Kollegen, gibt Merlin zu, kenne er inzwischen besser als seine eigenen Brüder. Viel Aussicht darauf, dass sich das ändern wird, besteht erstmal nicht: Für die Haydnzyklen im Jubiläumsjahr 2009 haben sich die Veranstalter um die Franzosen gerissen, die gerade auf ihrer Debüt-CD bewiesen hatten, dass sie diese Stücke so frisch und unkonventionell spielen wie kaum ein anderes Ensemble. Inzwischen, versichert Merlin, würden sie sich Haydn noch ein ganzes Stück mehr trauen als noch vor zwei Jahren. Man solle in ihren Konzerten vor allem die ungeheure Lebendigkeit und Kühnheit dieser Musik spüren. Zu Haydns Zeit habe es nun mal kein Metronom gegeben, das die Gefühle im Gleichschritt eingetaktet hätte.
Die rhetorische Freiheit, die sich die Ébènes für ihren Haydn herausnehmen, hat so auch etwas mit ihrer Jazzleidenschaft zu tun – beides sind letztlich Akte, mit denen sich die vier von althergebrachten Quartett- Traditionen emanzipieren. Ihre Lehrer vom Quatuor Ysaÿe seien beispielsweise sehr erstaunt gewesen, als er im zweiten Satz des Ravelquartetts die Pizzicati wie ein Jazzkontrabassist gespielt habe, erinnert sich Merlin, und ihre kühnere Klassikauffassung hätten sie hart gegen ihren Mentor Pierre-Laurent Aimard verteidigen müssen. Doch vielleicht sind es gerade die Widerstände, an denen die Ebènes gewachsen sind und die sie dazu gebracht haben, bei jedem neuen Werk in ihrem Repertoire zuerst die Traditionen und Vorurteile beiseitezuräumen, die die Sicht auf die Musik verstellen. Das gilt sogar für das Allerheiligste der französischen Kammermusik: Auf ihrer neuen CD spielen sie die Quartette von Fauré, Ravel und Debussy. Für sie sei Ravel sinnliche und Fauré intellektuelle Musik, Debussy dagegen sei vor allem Sex. Ob das nun eine deutsche oder eine französische Sicht ist? »Hören Sie einfach und entscheiden Sie selbst«, schlägt Merlin vor.

Neu erschienen:

Claude Debussy, Maurice Ravel, Gabriel Fauré

Streichquartette

Das Quatuor Ébène

Virgin/EMI

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Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 4 / 2008



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