home

N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



Startseite · Klartext · Pasticcio

Tritt (vorübergehend) leiser auf: Der gestutzte Scala-Chef Alexander Pereira hat jetzt nur noch einen Einjahres-Vertrag.

Pasticcio

Lombardische Farce

Der Wiener Kulturmanager Alexander Pereira ist nicht gerade für mangelndes Selbstbewusstsein bekannt. Im Gegenteil. Manche, die ihn während seiner Amtszeit als Intendant der Züricher Oper erlebt haben, attestierten ihm selbstherrliche Züge. Und auch in seiner kurzen Zeit als Intendant der Salzburger Festspiele ging Pereira schon mal lauthals auf Konfrontationskurs und drohte mit Rücktritt. Nun aber ist dem 66-Jährigen ein Satz über die Lippen gegangen, mit dem er sich reumütig, im Büßergewand präsentiert: „Es tut mir leid.“ Was ist nur geschehen, dass Pereira in aller Öffentlichkeit derart zu Kreuze kriechen musste?
Scheinbar hatte er trotz seines Alters und seiner Erfahrung den schwerwiegenden Fehler begangen und seinen zukünftigen Arbeitgeber vor vollendete Tatsachen gestellt. Aber von vorne: 2013 unterschrieb Pereira bei der Mailänder Scala einen Intendanten-Vertrag, der vorerst von 2014 bis 2020 gehen sollte. Und weil er da eben noch bei den Salzburger Festspielen angestellt war, kam er auf die Idee, ob er nicht vier Opernproduktionen der Scala verkaufen soll. So fädelte Pereira einen Deal über 690.000 Euro ein, die Mailand u.a. für Verdis „Falstaff“ überweisen soll.
Jetzt aber ist die Empörung in der Lombardei-Metropole groß, weil sich auch der Aufsichtsrat der Scala von diesen Plänen übergangen fühlte. Prompt wurde eine Krisensitzung nach der anderen einberufen. Und am Ende trat Pereira nicht nur mit einer Entschuldigung vor die Presse. Er stimmte noch vor dem offiziellen Amtsantritt als neuer Scala-Chef dem Aufsichtsratsbeschluss zu, dass die Laufzeit seines Vertrags jetzt auf Ende 2015 verkürzt wird. Ein Hintertürchen gäbe es ja für ihn noch: er könne sich dann um eine Verlängerung seines Vertrages bewerben.
In der Scala würde man also 15 Monate lang Däumchen drehen und erst danach über eine mögliche Nachfolge entscheiden? Eher ist zu vermuten, dass man mit Pereira längst über 2015 hinaus fest plant. Zumal der musikalische Scala-Direktor Riccardo Chailly ein Freund und Fan von ihm ist. Der verbale Kniefall des Machtmenschen Pereira dürfte deshalb wohl weniger aus vollem Herzen gekommen als vielmehr ein kalkuliertes, die Öffentlichkeit beruhigendes Wort gewesen sein.

Guido Fischer



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Hausbesuch

Movimentos

Vielfalt, auf höchstem Niveau

Originale der besten Choreografen von heute: Damit gastiert die GöteborgsOperans Danskompani bei […]
zum Artikel

Gefragt

The Wallace Collection

Pioniertage der Chromatik

Mit Neukomms „Requiem“ von 1815 werfen junge britische Musiker ein Schlaglicht auf die […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


Abo

Top