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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



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Fanfare

Heute wird getanzt: eine so reiche Ernte erstklassiger Ballettpremieren, das ist selten. Es begann in Paris, wo man 145 Jahre nach der Uraufführung den vergessenen Abendfüller »La source« im Palais Garnier glamourös restauriert hat. Leo Delibes schrieb die Hälfte der süffig-zarten Partitur; die andere stammt von Ludwig Minkus. Da tanzten die Nymphen mit Tausenden von geheimnisvoll im Dämmer funkelnden Swarowski-Kristallen, und der Wassergeist Naila gibt sich selbstlos hin, trocknet aus und stirbt, damit der Jäger Djémil und die hochmütige Nourreda im Pas de deux zusammenkommen können. Jean-Guillaume Bart hat die Geschichte aus dem Kaukasus entschlackt. Männliche Elfen stehen für neoklassischen Machomutwillen, die weiblichen Solisten für abgezirkelte Bewegungsfantasie. Christian Lacroix hat herrliche Kostüme entworfen, als Reverenz an das 19. Jahrhundert wie die Moderne. So feiert Paris sich selbst, seine Eleganz, seinen Chic, sein Raffinement.
In Hamburg hingegen verspricht John Neumeier auf einem Jahrmarkt der Verlorenheiten das Paradies. Aus Ferenc Molnárs ranziger Rummelplatz-Legende »Liliom«, vom Karussell-Ausrufer, der ein Mädchen ins Unglück stürzt, umkommt und aus dem Himmel noch einmal bei seinem Kind Gutes tun darf, schufen Neumeier und der weltberühmte Filmkomponist Michel Legrand ein schwebendes Meisterwerk, logisch und sensibel, innovativ und liebenswert. Ihr Trick: Sie siedeln den einstigen Welterfolg im depressiven Amerika der Dreißiger an. Ein Amerikaner in Deutschland erinnert sich jetzt mittels eines europäischen Stoffes an seine Jugend, und ein Franzose, der in Hollywood und New York sozialisiert wurde, verbindet beide Kulturen musikalisch. Herausgekommen ist ein wunderbar stimmiges Hybrid, das das Beste beider Welten vereint. Europäisches Kunstballett und amerikanisches Entertainment, das paart sich ideal. Liliom - das ist als sexy beast der virile, potente Carsten Jung. Aufgefangen wird der durch die unbedingte Liebe und Leidenschaft Alina Cojocarus. Die vom Royal Ballet in London ausgeliehene Rumänin ist fragil und zäh zugleich. Während in Berlin Ballettintendant und Primoballerino Vladimir Malakhov einmal mehr in einer Premiere bewies, dass er sich langsam von der Bühne verabschieden sollte und Heinz Spoerlis Grieg-braven »Peer Gynt«-Stationenreigen ungebührlich vereinfachte, verzichtete in Baden-Baden das Mariinsky- Ballett auf Fliederfee und Schneeflöckchenwalzer. Diesmal gastierte die St. Petersburger Elitetruppe mit Alexei Ratmanskys »Anna Karenina« – als deutsche Erstaufführung. 2004 brachte der Choreograf, der heute zu den gefragtesten der Welt gehört, den vertanzten Tolstoi in Kopenhagen heraus. Die gläsern harte Musik schrieb 1972 Rodion Schtschedrin. Sie ist dem damaligen Zeitgeist gemäß kurzatmig hektisch, dabei dramatisch aufbrausend. Und sie dampft den Tolstoi-Tausendseiter auf neunzig Spielminuten ein. Die Anna teilten sich die beiden weiblichen Mariinsky-Stars als Divenfutter: die lyrisch weiche Ulyana Lopatkina und die dynamisch glamouröse Diana Vishneva. Das Grundübel des Stücks hat allerdings auch Ratmansky nicht beseitigen können: Diese »Anna Karenina« liebt, sündigt und leidet einfach zu kurz. Zu viel von Tolstois nicht nur Plot liefernder Substanz bleibt einfach auf der Ballettstrecke.
Während an der Bayerischen Staatsoper eine neue »Turandot« unter Zubin Mehta mit der einstigen Avantgardetruppe La Fura dels Baus zur simplen Mischung aus 3D-Spielshow und Peking-Eislaufrevue geriet, lautet das leicht zweifelnde Spielzeitmotto des Staatsballetts: »Very British!?« Als Eröffnungsstück begeisterte das formverliebte »Scènes de ballet« von 1948, von Frederick Ashton zeitlebens besonders geschätzt. In schicken, gelbweißschwarzen Geometriekostümen werden von Strawinskys spröde neoklassischen Klängen ein Solopaar, vier Männer und 12 Damen gescheucht, haben keine Sekunde Schnaufpause, wechseln beständig Richtung und Tempo, Springen, Drehen und Laufen. Nach drei kurzen Asthon-Gustostücken stand noch Kenneth MacMillans schwerblütiges »Lied von der Erde« von 1965 an. Die schicksalsselige Mahler-Pathetik, die sich in den getragenen Bewegungen spiegelt, wirkt heute allerdings ein wenig schwülstig und altbacken.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 1 / 2012



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