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Schwebende Riefen Bebende Tiefen

Uli Johannes Kieckbusch, Günter Baby Sommer

HGBS/da music HGBSB16008
(54 Min., 11/2014)

Manche Tondokumente erinnern an einfache Wahrheiten à la „Musik ist strukturiertes Geräusch“. Mehr nicht? Doch. Wie strukturiert wird, spielt eine Rolle, dann die Konsequenz beim Durchhalten des Strukturprinzips, außerdem die Fähigkeit, ein Energieniveau zu halten oder eine Zeitspanne durch Aufs und Abs, Höhen und Tiefen, Lautes und Leises, Begegnung und Entfernung zu gliedern.
Die Pianist Uli Johannes Kieckbusch und der Perkussionist Günter Baby Sommer beherrschen all dies perfekt. Ihnen genügt ein kleiner Anlass, etwa eine kurze Tonfolge, einige Akkorde oder eine rhythmische Figur, um daraus Stücke von höchster Intensität zu zaubern. Dies gelingt nur, weil sie reaktionsschnell auf ein immenses Vokabular an Klängen zurückgreifen können, weil sie sich mit Luchsohren zuhören, weil sie die Gedanken des anderen ahnen und bereit sind, diese aufzugreifen oder ihnen Paroli zu bieten.
Seit 15 Jahren treten die beiden zusammen auf. In dieser Zeit wuchsen Wissen und Empfinden für die Spielweise des anderen; außerdem hat sich ein Fundus an Themen herausgeschält, auf den sie frei improvisierend zurückgreifen können. Dadurch wirken manche Passagen so dicht und durchdacht, als seien sie komponiert – und doch können sie beim nächsten Konzert weggelassen und durch Variationen ersetzt werden.
Wie souverän sie das vorbereitete Material ausdeuten, verraten die beiden Versionen von Sommers „Kleinsassen“-Thema, das sie sowohl vor Publikum bei einem Studiokonzert in den Villinger MPS-Studios als auch ohne Zuhörer in demselben Raum spielten. Dann wird aus der Begegnung von Kieckbuschs Flügeltönen und Sommers Klängen aus einer gewaltigen Sammlung von Rasseln, Schlagwerk, Shakern und herkömmlichem Schlagzeug, aus Schlägen mit Sticks, Händen und Besen und aus dem Reiben mit den Stöcken in den Riefen der Becken wunderbare, strukturierte, dabei frei schwebende Musik.

Werner Stiefele, 20.05.2017



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