Johann Sebastian Bach, Johann Christian Bach, Carl Philipp Emanuel Bach u.a.

Dynastie (Konzerte für Cembalo u.a.)

Jean Rondeau, Ensemble

Erato/Warner 9029588846
(76 Min., 9/2016)

 

Johann Sebastian Bach, Johann Christian Bach, Carl Philipp Emanuel Bach u.a.

Bach & Sons 2 (Konzerte für Klavier u.a.)

Sebastian Knauer, Zürcher Kammerorchester, Daniel Hope, Philipp Jundt

Berlin Classics/Edel 0300764BC
(70 Min., 4 & 11/2016)

 

Da ist sie wieder, die alte Glaubensfrage: Darf man Bach auf einem Flügel spielen? Oder muss es doch ein Cembalo sein, um Bachs wahrem Geist so nahe wie möglich zu kommen? Unzählige Aufnahmen aus der Alten Musik-Szene oder vom Stammvater der modernen Bach-Interpretation Glenn Gould hatten eigentlich einen Strich unter diesen Gelehrtenstreit gesetzt. Aber wenn ganz zufällig gleich zwei Bach-Einspielungen mit nahezu identischem Konzept veröffentlicht werden, kommt man dann doch erst einmal reflexartig in Entscheidungsnot. Der französische Cembalist Jean Rondeau und der deutsche Pianist Sebastian Knauer haben sich jeweils der Bach-Familie mit Concerti für Tasteninstrumente gewidmet. Von Vater Johann Sebastian Bach erklingen hier wie dort jeweils zwei Cembalo- bzw. Klavierkonzerte, darunter das in f- Moll BWV 1056. Bei Knauer kommt noch Bachs, mit den Gästen Daniel Hope und Philipp Jundt aufgenommenes Konzert für Flöte, Violine und Cembalo hinzu. Und während Rondeau ein für Ensemble arrangiertes „Lamento“ von Wilhelm Friedemann Bach zugibt, bekommt man auf beiden Einspielungen Johann Christian Bachs f-Moll-Concerto geboten. So weit also die Gemeinsamkeiten in der Repertoire-Auswahl. Und zunächst staunt man nicht schlecht, wie saftig und geradezu groovy Jean Rondeau mit seinem gerade mal sechsköpfigen Alte Musik-Ensemble Bachs wild aufgeschäumtes Cembalo-Konzert angeht – wobei der Mann am Kontrabass (Thomas de Pierrefeu) fast einen Walking-Bass in bester Barockjazz-Manier hinlegt.
Beschwingt und begeistert von diesem Bach-Entrée, macht man sofort die Vergleichsprobe bei Knauer & Co. Bei ihm steht zu Beginn das eher noblere Bach-Konzert in A-Dur BWV 1055. Und wer das von Bach-Jüngern wie eben Gould, aber auch etwa von Murray Perahia aufgenommene Konzert noch im Ohr hat, muss erneut feststellen, dass Knauer überhaupt keine Vergleiche mit solchen internationalen Koryphäen zu scheuen braucht. Nicht nur vermittelt er in seiner Doppelfunktion als Solist und Dirigent des (unaufgeregt, aber doch stets mehr als solide sekundierenden) Zürcher Kammerorchesters auf Anhieb seine Lust, sich mit dem Reichtum dieser Musik und ihrer nach vorne preschenden Bewegungsenergie zu beschäftigen. Und was die immer wieder hineinscheinende Ausdrucksfülle angeht, die sich in den langsamen Sätzen in schönster Dichte zeigt, erweist sich Knauer gleichermaßen als beeindruckender Bach-Anwalt. So unterschiedlich natürlich die Klangbilder der beiden Aufnahmen ausfallen, so finden sich aber auch in den Werken der Bach-Söhne so manche Parallelen. Rondeau & Co. streuen in Johann Christian Bachs Concerto immer wieder kleine Zäsuren, Effekte ein. Bei Knauer ist es eher terrassenförmig angelegt. Und trotzdem treiben sie dem Werk jegliche Gefälligkeit aus, indem sie ihm den unterschwellig mitlaufenden tragischen Puls entlocken. Nur bei der Auswahl der Concerti von Carl Philipp Emanuel Bach hat Rondeau vielleicht das glücklichere Händchen besessen, da das Werk Wq. 23 im Gegensatz zum nett verspielten Viersätzer Wq 475 (Knauer) dann doch breiter, furioser, dramatischer aufgestellt ist. Und weil Rondeau mit seinen Musikern da gestalterisch mehr überzeugen und verblüffen kann, mag er sich hier einen leichten Punktvorteil herausgespielt haben. Doch unterm Strich bestätigen er und Knauer einmal mehr, dass es nicht auf das Instrument ankommt, sondern auf denjenigen, der Bach spielt.

Guido Fischer, 20.05.2017




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