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A Higher Desire

Pat Appleton

Edel:Content/Edel 0211939CTT
(48 Min., 8/2016)

Nach Jahren in dem gewitzten Lounge-Exportschlager De-Phazz, der mit Hits wie „Mambo Craze“ weltweit Partys, Hotel-Lobbys und Bars beschallte, verspürte die Sängerin Pat Appleton ein höheres Verlangen. Man habe mal über sie geschrieben, sie könne auch das Telefonbuch heruntersingen und man würde ihr dabei zuhören, erklärt die deutsch-liberianische Sängerin. Ihre Schlussfolgerung: Warum es also nicht mal mit tiefgründigen Texten und ambitionierter Musik probieren?
„A Higher Desire“, ihr erstes Jazz-Album unter eigenem Namen, gibt Appleton recht. An erster Stelle, weil die Berlinerin eine Stimme hat, die sich jedem Seelenkonflikt anschmiegt wie ein Couture-Kleid. Das mag mal gröber gestrickt und mit rauen Soul-Mustern versehen sein (wie etwa im Eröffnungsstück „New World Brave“), kann aber auch so hauchdünn am Rande der Verzweiflung genäht sein, dass einem etwa in der Ballade „Other People's Lives“ sofort Billie Holiday in den Sinn kommt.
Der akustische Jazz auf „A Higher Desire“, der sich irgendwo zwischen Herbie Hancock, Burt Bacharach und der sanften Funk-Agitation der 1970er Jahre bewegt, steht Appleton auch deshalb so gut, weil sie ein maßgeschneidertes Unterstützer-Team an der Seite hat. Pianist Sebastian Weiss bringt harmonischen Reichtum in die Mischung ein, während Trompeter und Flügelhornist Martin Auer mit viel Gespür für Spannungsbögen und Tonabgabe-Mengen die solistischen Highlights setzt. In der Rhythmusgruppe sorgen Schlagzeuger Michael Kersting und Bassist Olaf Casimir mit dem Einsatz von Besen, triphopartigen Grooves und einer knurrenden Ukulele für Abwechslung.
Den selbst gesteckten höheren Ansprüchen wird „A Higher Desire“ auch letztlich deshalb gerecht, weil die Songs echte Statements sind. Da flüchtet sich Appleton musikalisch und textlich nicht in Standard-Vokabular, sondern thematisiert humorvoll, erwachsen und unpathetisch Zeitgenössisches: Sei es den Sog der sozialen Medien, der uns mit einem eingeschobenen 7/8-Beat vom Kurs abbringt und in die Tiefe hinabzieht („New World Brave“), die trügerischen Paradies-Versprechungen der Gegenwart („Paradise“) oder die Abkehr von der Parship-Mentalität in unseren heutigen Beziehungswelten („Herbertine“). Eine reife Leistung!

Josef Engels, 13.05.2017



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