Camille Saint-Saëns

Orchesterlieder

Markus Poschner, Orchestra della Svizzera Italiana, Yann Beuron, Tassis Christoyannis

Alpha/Note 1 ALP273
(58 Min., 8/2016)

 
Johannes Brahms

Vier Sinfonien

Markus Poschner, Orchestra della Svizzera Italiana

Sony Classical 88985388869
(183 Min., 10/2015 - 2/2016) 2 DVDs

 

So kann es gehen. Da hatte man mit Markus Poschner einen versierten Chefdirigenten für die nächsten Jahre und im Luganer Kulturzentrum endlich ein neues modernes Zuhause gefunden – und plötzlich schien die Zukunft des Tessiner Traditionsorchesters Orchestra della Svizzera Italiana (OSI) auf der Kippe zu stehen. Ende 2016 wurden finanzielle, die Existenz bedrohende Schwierigkeiten vermeldet. Glücklicherweise konnte inzwischen ein Ausweg gefunden werden. Und die bisherige erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Poschner und dem OSI kann fortgesetzt und – wie jetzt geschehen – auf handelsüblichen Datenträgern wie CD und DVD dokumentiert werden. Französische und deutsche Romantik, Orchesterlieder von Camille Saint-Saëns hier und die vier Sinfonien von Brahms dort – das sind die aktuellsten Visitenkarten einer durchaus noch jungen, aber schon längst tiefen Freundschaft zwischen Dirigent und Orchester. Und im Fall von Saint-Saëns kann man sogar mit waschechten Weltersteinspielungen punkten. Erstmals wurden die 19 Klavierlieder in der vom Komponisten orchestrierten Fassung aufgenommen. Und ob Saint-Saëns nun musikästhetische Überlegungen oder einfach finanzielle Verlockungen zu einem Schritt bewogen haben, den in diesem Umfang später nur noch ein Gustav Mahler wiederholen sollte – die Vertonungen der Texte vorrangig von Victor Hugo besitzen jetzt im Orchestergewand eine unwiderstehliche Schönheit. Alles atmet und duftet – nicht nur bei den beiden sich abwechselnden Solisten. Auch Markus Poschner und das Orchestra della Svizzera Italiana nehmen sich alle erdenkliche Zeit, um mit sanftesten und schillerndsten Farben und Brisen den Genuss nochmal zu steigern. Mit Yann Beuron (Tenor) und Tassis Christoyannis (Bariton) hat man zudem das große Los gezogen, da beide das exquisit Zarte dieser Musik genauso makellos und einfühlsam transportieren wie das Leichte, Pastorale und – wie im Fall von „La brise“ – das fern Exotische.
Auch mit den vier Sinfonien von Johannes Brahms haben Poschner und das OSI etwas fürs Repertoire getan. Denn den nun auf einer Doppel-DVD veröffentlichten Konzertmitschnitten lag eine Neuedition der Partituren zugrunde, mit der man den von Brahms geschätzten Klang der Meininger Hofkapelle zu rekonstruieren versuchte. Statt dem großen Orchesterbesteck erklingt also ein gerade einmal mit 49 Musikern „kammermusikalisch“ besetztes Orchester. Außerdem wurde auf die damals übliche Orchesteraufstellung mit den zehn ersten Violinen links und den zweiten Violinen rechts vom Dirigenten zurückgegriffen. Als äußerst ungewohnt erweist sich daher immer wieder auch der Kamerablick auf den kompletten, aber eben schlanken Orchesterapparat. Dennoch klingt dieser Brahms weder abgemagert dünn, noch faserig oder sehnig. Im Gegenteil. Das Hymnische und dramatisch Wuchtige, das edle Melos, überhaupt das Innenleben dieser Musik kommt bei aller Transparenz und Klarheit mit der nötigen Körperlichkeit und Ausdrucksintensität daher. Auch wenn man sich bei diesem mit „Rereading Brahms“ betitelten Projekt in den Windkanal der historischen Aufführungspraktiker gesetzt hat, ist ein Brahms voller Saft und Kraft herausgekommen.

Guido Fischer, 18.03.2017




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