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Mieczysław Weinberg

Kammersinfonien, Klavierquintett op. 18

Gidon Kremer, Kremerata Baltica, Yulianna Avdeeva

ECM/Universal 4814604
(160 Min., 6/2015) 2 CDs

Zu den auch kulturpolitischen Großtaten des Geigers, Ensemble- und Festivalgründers Gidon Kremer zählt von jeher sein Engagement für Komponisten, die im kommunistisch-sowjetischen Machtbereich nicht selten um ihre nackte Existenz fürchten mussten. Zu ihnen gehört der Pole Mieczysław Weinberg. Eine eminent wichtige Rolle in seinem Leben spielte Dmitri Schostakowitsch. Als Freund und Mentor hatte der sich bei den höchsten Stellen immer wieder für Weinberg engagiert. Nachdem der Jude Weinberg 1939 nach dem Einmarsch der Nazis in die Sowjetunion fliehen musste, ermöglichte Schostakowitsch ihm 1943 eine Aufenthaltserlaubnis in Moskau. Und als er 1953 wegen „zionistischer Agitation“ verhaftet wurde, war es erneut Schostakowitsch, der sich für ihn mit einem Brief beim Geheimdienstchef Lawrentij Berija einsetzte. Das eigene Schicksal sowie die Ermordung seiner Familie durch die Nazis und die Sowjets sollte Weinberg jedoch bis zu seinem Tod beschäftigen (er starb 1996 in Moskau).
Nun legt Gidon Kremer gemeinsam mit seiner Kremerata Baltcia nach 2014 sein zweites Weinberg-Album vor. Und diesmal ist der musikalische Blick ganz auf den Kammersinfoniker gerichtet. Vier solcher Werke hat Weinberg in seinem letzten Lebensjahrzehnt geschrieben. Wobei die Stücke mehr oder weniger direkte Ausarbeitungen von zumeist Streichquartetten sind. Diese Art der klanglichen Neubelichtung älterer Kompositionen brachten daher Kremer und den Kremerata-Perkussionisten Andrei Pushkarev wohl auf die Idee, Weinbergs Klavierquintett von 1944 für Streichorchester, Klavier und Schlagzeug zu arrangieren. Dieses fünfsätzige Werk ist es denn auch, das den immensen Einfluss von Schostakowitsch am deutlichsten widerspiegelt – mit all seiner motorischen Kraft, diesem burlesken (Walzer-)Treiben sowie einer ungeschminkt gehetzten Wucht. Anklänge daran finden sich zwar hier und da in den schnellen Sätzen der Kammersinfonien. Doch ihr Grundton steht für einen Komponisten, der sich völlig vom Leben abgewandt zu haben schien. Seine musikalischen Schutzräume füllte er mit jenem ultrabitteren Sehnsuchtsmelos aus, das gerade in der 3. Kammersinfonie an Mahler denken lässt. Und wenn zwischendurch beklemmende Lamenti ganz langsam, aber unaufhaltbar durch die Sätze kriechen, rettete sich Weinberg auch in intensive Klangmeditationen, die an die Musik der ebenfalls von Kremer protegierten Komponisten Giya Kancheli oder Arvo Pärt erinnern. Jede der vier Kammersinfonien, die jeweils eine Spieldauer zwischen 20 und über 30 Minuten besitzen, wird so zum erschütternden und aufwühlenden Klangdokument weniger eines Künstler- als vielmehr eines Menschenschicksals. Und dass jenes den Interpreten, der von Gidon Kremer angeführten Kremerata Baltica, auch bei den live mitgeschnittenen Konzerten unter die Haut gegangen ist, hört man diesen Weltersteinspielungen an.

Guido Fischer, 28.01.2017



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