Teilnehmen an der Geburtsstunde der „Berliner Singakademie“: Es war das Ideal der italienischen mehrchörigen Vokalmusik, die in dem Berliner Hofkapellmeister Carl Friedrich Fasch Ende der 1780er Jahre den Wunsch erwachen ließ, prachtvolle Werke dieser Art auf hohem chorischen Niveau ohne die Beschränkungen, die das damals immer noch auf Knabenchören basierende liturgische Musikleben mit sich brachte, aufführen zu können. Fasch studierte an seinem Schreibtisch zu diesem Zweck mit großer Begeisterung eine Monumental-Messe von Orazio Benevoli, die Reichardt ihm aus Italien mitgebracht hatte. Bevor er dieses Stück aber in Berlin zu Gehör bringen konnte, schrieb er selbst eine große Messe im Alten Stil, zu deren praktischer Umsetzung er dann die Berliner Singakademie mit Frauen statt Knaben gründete.
Philipp Amann zelebriert mit dem hervorragend disponierten NDR-Chor sowohl die fragliche Fasch-Messe wie auch einen der großen Benevoli-Messzyklen. Beide Werke verlangen sechzehn Stimmen in vier Chören, beide entfalten je auf ihre Art ein wahres Feuerwerk an vokaler Pracht und Schönheit: Ungeheuer vielfältig nutzten die Komponisten die kompositorischen Möglichkeiten, die das Miteinander von vier Chören mit sich bringt. Es werden nicht nur gewaltige Klangberge aufgetürmt, sondern es entfalten sich immer wieder auch in kleinen Besetzungen wundervolle imitatorische Verläufe. Monumentalität muss nicht zu Lasten der differenzierten Satzstruktur gehen – das haben beide Meister offenbar beherzigt.
Dritter im Bunde ist außerdem Felix Mendelssohn Bartholdy: Er war wie seine Mutter und seine Schwester Mitglied der Singakademie und schenkte dem Chor 1828 sein 16-stimmiges „Hora est“. Schöner hätte das begeisternde Programm dieser CD nicht abgerundet werden können.

Michael Wersin, 07.06.2014



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