Historisierend zu musizieren bedeutend beileibe nicht zwangsläufig, Besetzungen zu verkleinern: Das demonstrierte schon in den 1980er Jahren Christopher Hogwood mit monumental besetzten „Messiah“- oder „Schöpfungs“-Aufführungen auf Basis originaler Besetzungslisten. In diesem Sinne wagte sich Paul McCreesh an die Rekonstruktion des Original-Settings von Mendelssohns „Elias“, der 1846 in Birmingham in englischer Sprache uraufgeführt wurde. Die 300 Mitwirkenden, die damals mit einem Sonderzug aus London herangekarrt wurden, waren noch bei weitem nicht alle Musiker: Bei Mendelssohn standen wohl deutlich über vierhundert Personen auf der Bühne, und so ist es auch hier bei McCreesh.
Kein Zweifel: Besonders die chorischen Effekte sind überwältigend. Schon der allererste Einsatz („Help, Lord!“), oder etwa die Baal-Anrufungsszene heben auch den Hörer am heimischen CD-Spieler aus dem Sessel – woran auch die hervorragende Aufnahmetechnik dieser Live-Produktion ihren Anteil hat. Man versteht, warum Mendelssohn selbst von „dicken, schweren Chören“ sprach. In diesem Punkt war er eben gar nicht „bachisch“ – jedenfalls nicht so, wie wir Bach heute verstehen.
Mit dem Chor dröhnen in dieser Produktion auch Orchester und Orgel mit wahrhaft umwerfender Wucht – ein echter Genuss. Im Solo-Bereich bleibt die Freude dagegen manchmal verhaltener: Warum vibrieren die vier Solisten so ausgiebig, warum bleiben sie sprachlich oft so wenig prägnant? McCreesh jedenfalls überdeckt sie mit seinem Riesenorchester niemals, sondern trägt sie umsichtig wie auf Händen durch ihre Arien und Szenen. Schade, dass sie nicht immer die Chance nutzen, um ihre Partien Aussage-gerecht mit feinerem Pinsel zu gestalten.

Michael Wersin, 09.02.2013



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