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Robert Schumann, Felix Mendelssohn Bartholdy

Violinkonzerte d-Moll bzw. e-Moll u.a.

Christian Tetzlaff, Paavo Järvi, hr-Sinfonieorchester

Ondine/Naxos ODE11952
(69 Min., 9/2008 & 2/2009)

Seit Henryk Szeryngs Einspielung des Violinkonzerts von Robert Schumann haben immer wieder Geiger von Rang versucht, es im Konzertbetrieb zu verankern. Doch trotz Gidon Kremer und Frank Peter Zimmermann will man ihm weiterhin genauso wenig über den Weg trauen wie vielem, was Schumann in seinen Spätjahren komponiert hatte. Um diesem Konzert, das tatsächlich zu den substanzreichsten Violinkonzerten des 19. Jahrhunderts gehört, ein wenig auf die Sprünge zu helfen, wird es daher oftmals mit einem populäreren Schwesterwerk kombiniert. Auch Christian Tetzlaff ist diesen Weg gegangen, indem er Mendelssohn Bartholdys e-Moll-Schlager op. 64 ins Zentrum seiner neuesten CD mit Live-Aufnahmen gestellt hat. Doch zusammen mit Dirigent Paavo Järvi macht er bei Schumann klar, dass der Seelengequälte nicht nur ganz bei Sinnen gewesen ist, als er das Konzert schrieb – direkt nach dem herben Melos der Orchestereinleitung findet Tetzlaff zu einer gelungenen Balance aus entspannter und gespannter Tonschönheit, die das Klischee vom mitschwingenden Leidensdruck Schumanns wegfegt. Wie einen großen empfindsamen Gesang, aber frei von jeglicher bitterer Sentimentalität, gestaltet man zudem den langsamen Satz. Und das Finale ist eine mal schwungvolle Umarmung, dann wieder jugendliche Liebkosung des Lebens. Gleiches gilt auch für die noch seltener zu hörende Fantasie für Violine und Orchester aus dem Jahr 1853.
Tetzlaffs geigerisches und gestalterisches Niveau, sein Sinn für die Clarté und seine Ausdrucksmöglichkeiten selbst im Schlanken finden selbstverständlich ihre Fortsetzung bei Mendelssohn. Rhythmisch impulsiv, aber ohne jenen nach außen gekehrten Enthusiasmus, dem Mendelssohn stets reserviert gegenüberstand, ist sein Spiel. Und bei aller ariosen Geschliffenheit kommt das Berührende nie zu kurz. Dass auch dieses Konzert in Tetzlaff seinen Meister gefunden hat, erstaunt aber angesichts seiner bisherigen Großtaten wenig. Umso ausdrücklicher muss man das Orchester loben, das unter Järvi kammermusikalisches Miteinander genauso bietet wie durchhörbare Entschiedenheit in der Totalen.

Guido Fischer, 21.01.2012



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