Für die Eintrittskarten zu einer der sechs Vorstellungen von Donizettis "Anna Bolena" an der Wiener Staatsoper im April dieses Jahres wurden auf dem Schwarzmarkt astronomische Summen gezahlt. Da kommt der gerade erschienene DVD-Mitschnitt doch um einiges günstiger. Er hält eine Produktion der schönen Stimmen und großen Emotionen fest – genau der Stoff also, aus dem Fanträume sind.
Anna Netrebko singt ihre Auftrittskavatine gleichmäßig strömend und wahrlich betörend, nicht sehr raffiniert, aber mit üppigem Wohlklang. Ihre Stimme ist in letzter Zeit dunkler und schwerer geworden, hat auch etwas an Beweglichkeit eingebüßt, dafür aber an Dramatik und Kraft gewonnen. In der großen Finalszene verbindet sie ein inniges und anrührendes "Al dolce guidami" mit einem auftrumpfenden, energischen "Coppia iniqua" – eine beeindruckende Leistung.
Bei ihrer Kollegin Elīna Garanča zeigte sich wieder einmal, dass sie die Bühne braucht, um zu begeistern, auf ihren Recitals klingt sie stets allzu kontrolliert und glatt. Hier aber präsentiert sie sich als unschlagbare Mischung aus fantastischer Stimme, überlegener Technik und leidenschaftlicher Gestaltung, absolut unangestrengt und hinreißend souverän.
Ildebrando D'Arcangelo zählt nicht zu den differenziertesten Sängern, auch als Heinrich VIII. führt er in erster Linie seinen männlich timbrierten, nicht sehr eleganten (und in der Tiefe nicht sehr ergiebigen) Bass vor, dies aber in sehr guter stimmlicher Form. Der 'Liebhaber' hat in diesem Werk nicht gerade die erfüllendste Partie, Francesco Meli macht aber mit geschmackvoll geführtem, sicherem Tenor das Beste daraus. Dirigent Evelino Pidò vervollständigt das Glück der Opernfans.

Michael Blümke, 29.10.2011



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Ich könnte Herrn Blühmkes Begeisterung teilen, wenn es darum ginge, die Veröffentlichung einer DVD mit diesem wichtigen Werk Donizettis zu rühmen. Jedoch fällt diese Rezension wie ein Eingeständnis blinder Liebe für Anna Netrebko aus. Es gibt einige Vergleichsaufnahmen, mit denen man leicht zeigen kann, dass die sängerische Leistung keineswegs so überragend ist. Man muss dazu nicht unbedingt Maria Callas oder Leyla Gencer aus der Schatzkiste holen. Auf Youtube findet man die Finalszene aus Anna Bolena, in der Mariella Devia (in deutlich höherem Alter) zeigt, wieviel besser das gesungen werden kann. Dennoch, die Veröffentlichung der DVD ist insgesamt zu begrüssen.




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