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Ludwig van Beethoven

Sinfonien 1-9, Coriolan- & Egmont-Ouvertüre;„Discovering Beethoven“ mit Joachim Kaiser und Christian Thielemann

Annette Dasch, Mihoko Fujimura, Piotr Beczała, Georg Zeppenfeld, Christian Thielemann, Wiener Singverein, Wiener Philharmoniker

Unitel Classica/CMajor 707204
(446 Min.) 3 CDs, Bluray (+ 510 Min. Dokumentation)

Als Simon Rattle vor 10 Jahren die Wiener Philharmoniker zu einem verschlankten, an der historischen Aufführungspraxis orientierten Beethoven-Klang animierte, heulten viele Wiener in den heiligen Hallen des Musikvereins: Jetzt werden auch noch unsere Philharmoniker „historisch“ (ruiniert)! Vor solchen Anwürfen ist Christian Thielemann gefeit. Aus dem frenetischen Applaus, der dem Preußen 2008/10 bei seinen Beethoven-Konzerten am selben Ort entgegenschlug, glaubt man vielmehr den Ruf nach einem neuen Messias herauszuhören – nach einem Kämpfer gegen jene vermaledeiten Trockenbeerenwinzer, die seit drei Jahrzehnten zunehmend den musikalischen Hausaltar mit vibratolosem Gegeige, kleiner Besetzung und Metronomangaben entmystifizieren bzw. verschandeln. Wir wollen, so tönt es offenbar (nicht nur) in der Wiener Traditionshochburg, unsere Heiligtümer – und ihre Standartenträger zurück! Nun sind Furtwängler, Knappertsbuch und Karajan bekanntlich schon eine Weile tot. So wird ihr prominentester Schüler gefeiert, mit ihm die Wiederauferstehung des spätromantischen Pultmagnaten-Typus, dem der Komponistenwille nur bedingt wichtig, mitunter nur Hindernis auf dem Weg zur eigenen, instinktiv gefühlten „Wahrheit“ war und ist. Christian Thielemann ist ein Instinktdirigent. Das jedenfalls offenbarte er Joachim Kaiser in den Gesprächen, die unter dem Titel „Discovering Beethoven“ den Einspielungen beigegeben sind. Eigentlich musste er mit diesem Bekenntnis den Kritiker-Doyen in Verlegenheit bringen. Als ausgewiesener Beethoven-Kenner weiß dieser natürlich um das Gewicht der Partitur (immerhin gibt es die historisch-kritische Sinfonien-Ausgabe seit gut 12 Jahren); als bekennender Furtwängler- und Karajan-Fan aber insistiert Kaiser – leider und verständlicherweise – nicht weiter darauf. Denn sonst hätte er Thielemann fragen müssen, warum ihm Beethovens detaillierte Tempi-Angaben und Akzent-Setzungen weit weniger wichtig sind als seine eigenen; warum er am wagnerisch aufgedunsenen, vibratoseligen Orchesterklang festhält und womit er seine unentwegten agogischen Willkürlichkeiten legitimiert (einen solchen Rubato-Knall-Effekt beispielsweise wie beim Übergang der Einleitung zum Allegro im Eröffnungssatz der Vierten oder bei den C-Dur-Dreiklangsfanfaren der Fünften haben sich selbst die größten Verehrer der Titanen-Tradition nicht geleistet).
Ist Thielemanns Beethovens also nur bräsiges, effektsicheres Furtwängler-Epigonentum? Zweifellos gibt es auch manches brillant-spritzige Schlussallegro, etwa der Vierten und Siebten, was dagegen spricht; überdies ist einmal mehr jener höchst sensible Priester der Langsamkeit am Werk, der in den entsprechenden Sätzen (wenn sie nicht gar so beschwert werden wie der Eroica-Trauermarsch) eine betörende, in der „Pastorale“ geradezu meditative Klangsinnlichkeit entwickelt (wobei sich das Adagio der Neunten – Furtwängler lässt grüßen ‒ schier zu einer heiligen Ton-Messe auswächst). Aber reicht das schon, um vom „Beethoven des 21. Jahrhunderts“ zu sprechen ‒ wie uns die Eigenwerbung der Wiener Philharmoniker weismachen will? (Dass, wie überall geworben wird, die Aufnahmen die ersten mit modernster Bluray-Technik sind, kann allenfalls Audiophile interessieren). Sony wird die Video-Aufnahmen demnächst als CD veröffentlichen. Dann lässt sich labelintern im direkten Vergleich mit Paavo Järvi und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen feststellen, wer den „heutigen“ Beethoven repräsentiert. Und wer mit anderthalb Beinen in der Mitte des letzten Jahrhunderts stehen geblieben ist.

Christoph Braun, 22.10.2011



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Kommentare

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Werter Herr Braun! Leider, leider muss ich feststellen, dass das Verreißen von Thielemann Aufnahmen weitergeht! Ist man im Jahre 1876 stehengeblieben, weil man Wagner hört - oder im Jahre 1980, weil man Schnittke sich zu Ohren führt? Nein gewiß nicht. Neben der sicherlich guten, aber etwas \"blutleer\" wirkenden Aufnahme von Järvi muss es genauso Aufnahmen geben, die der Aufführungspraxis eines Furtwängler sich verpflichtet fühlen. Und ob es einen \"heutigen\" oder \"gestrigen\" Beethoven gibt bleibt immer noch dem Publikum überlassen, das vielleicht auch je nach Gemütslage manchemal den etwas satteren, erdigeren, romantischen mitteleuropäischen Orchesterklang präferriert. Aufgrund des Publikumszuspruchs, der auch an den Verkaufszahlen der Thielemann Aufnahme erkennbar ist, muss es und wird es solch schöne Aufnahmen, die 5 Sterne verdient hätten auch geben. So kann auch dieser Beethoven ein Beethoven des 21. Jahrhunderts sein.


Herr Braun schließt seine Rezension mit einem Satz, der einen netten Gedanken enthält: Thielemann sei \"mit anderthalb Beinen in der Mitte des letzten Jahrhunderts stehen geblieben\". Das nette daran ist die unwillkürliche Ironie. Denn am Anfang der Rezension werden die historisch-kritischen Interpreten gelobt. Sind/waren die denn nicht vielleicht gerade die Stehengbliebenen bzw. seltsam Rückwärtsgewandten? Ist nicht vielleicht der dort propagierte intellektuelle/ideologische Versuch, einer möglichst authentischen Interpretation zutiefst reaktionär? Vielleicht ist Thielemann weitaus zeitgemäßer, zeitgenössischer als manche Trockenbeerenwinzer




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