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L'existentialiste

Gary Fuhrmann-Quintet

Konnex/Pool Music KCD 5254
(45 Min., 2009)

Ein bisschen ist Paris in Unordnung, als der kleine Saxophonist auf dem Cover in die Seine-Metropole schreitet, und die Ampel zeigt auch gleichzeitig rot, gelb und grün. Doch gezeichnet ist das Coverbild mit souveränem, festem Strich. Das entspricht den Aufnahmen des Gary Fuhrmann Quintets: Auch die sind ein bisschen schräg, und doch folgen sie einer klaren Ästhetik, die anstelle der modernen Glätte die Auseinandersetzung mit dem Instrument, das Strömen der Luft, das Anreißen der Saiten oder das Reiben des Bogens, das Schlagen der Trommeln und Becken nachvollziehbar macht. Ihre Musik entsteht aus der permanenten Begegnung von kleinen Elementen und lässt aus diesen komplexe, fein abgestimmte Strukturen entstehen. Dazu braucht es keinen Viervierteltakt – im Gegenteil, wie in Teilen des Titelstücks "L'existentialiste" können sich packende Strukturen auch aus der Mischung zwischen Dreier- und Zweier-Bewegungen ergeben. Da schwingt ein Hauch Neue Musik ins Geschehen, und in "Little Stone" die vage, letztendlich nur in Bruchstücken fühlbare Erinnerung an Miles Davis' Elektrojazz und Trancemusikphase ab dem Album "Bitches Brew", während die thematischen Soli mit der frühen M-Base kokettieren, ohne deren vehementen Impuls aufzugreifen. Jedes der folgenden sieben Stücke vereint auf andere Weise Elemente aus verschiedenen Phasen der Jazzgeschichte und entwickelt sie zu einem eigenen, in der Gesamtschau vorbildlosen Sound des Quintetts. Minimalistisches kommt ins Spiel, aber auch Brüchiges und – im "Soon Song" – elegant Pulsierendes mit Fender-Sounds. Zwischen all den Kompositionen Fuhrmanns erinnert ein kantiges Duo des Bandleaders mit dem Kontrabassisten Matthias Nowak über "Lush Life" an die Wurzeln des Quintetts in der Tradition. Hier kommt Fuhrmanns facettenreicher Ton besonders gut zum Tragen. Je nach Situation bezieht Fuhrmann die Strömungsgeräusche der Luft ebenso ins Klangbild ein, wie er wenig später klar und stark oder zerrissen und suchend wirken kann. Die Musik dieses Quintetts liegt ein wenig neben der Norm, wobei das Gesamtgeschehen mit feinem Gespür abgestimmt ist. So entstehen wirkungsvolle Brüche, starke Spannungen und schöne Kontraste. Hier entstand aus der Kenntnis der Tradition etwas Eigenständiges.

Werner Stiefele, 20.11.2010



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