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Johannes Brahms

Die späten Klavierstücke op. 116-119

Anna Gourari

Berlin Classics/Edel 0016472 BC
(79 Min., 10/2008) 1 CD

Skrjabin spielt sie exzellent, Chopin meistens auch. Wie Anna Gourari Mozart, Haydn, Bach und Beethoven spielt, wissen wir leider nicht, weil wir sie damit nicht gehört haben, was wiederum daran liegt, dass sie diese Komponisten nur sehr selten aufs Programm setzt. Mit Brahms verhielt es sich bislang ähnlich, jedenfalls so weit wir das wissen. Nun aber wissen wir auch, wie sie Brahms spielt. Dass sie überhaupt diesen Komponisten erwählte, um gleich ein ganzes Album mit seinen Schöpfungen zu füllen, und dann auch noch auf die Idee verfiel, es sollten bitteschön die späten Klavierstücke des Meisters sein, verwundert auf den ersten Blick vielleicht ein wenig, weil man die Mentalität des alten, (im besten Sinne) konservativen Brahms und die Mentalität dieser jungen, modernen Pianistin nicht so recht in ein Boot kriegt. Aber man soll keine Vorurteile haben, es hat schon die erstaunlichsten Begegnungen zwischen Schöpfer und Interpret gegeben. Diese Begegnung allerdings ist letztlich doch ein grobes Missverständnis.
Um zu verstehen, warum das so ist, genügt im Grunde das erste E-Dur-Intermezzo aus den Fantasien op. 116, dieses wundersam verkapselte, der Welt gleichermaßen zu- wie abgewandte Adagio. Anna Gourari spielt es so, als sei es ein liebliches und artiges Stück Musik, sie spielt es akkurat und klangschön, mit feinen Phrasierungen und mit präziser Artikulation. Da gibt es nichts zu bemängeln. Eigentlich. Aber das Problem dieses Spielens ist, dass es anscheinend nicht weiß, was es mit diesem Adagio wirklich auf sich hat. Es fehlt der Blick ins Innere dieses Stücks, es fehlt das, was man, in Ermangelung einer guten Beschreibung, die Durchdringung nennen möchte: das Sublime. Oder sagen wir es anders: Anna Gourari poliert Brahms, bis er blank ist, sie tut es auch in den raschen Stücken, die bei ihr alle klingen wie eine straff-dramatische Etüde (was sie in keinem Fall sind). Gerade der späte Brahms aber ist rau, er ist grantelig, er ist unbequem, er hat auf der Schönheit der Töne immer einen Schatten, er braucht Luft zum Atmen. Diese Luft gibt ihm Anna Gourari nicht, deswegen klingt dieser Brahms so uninspiriert, so gelangweilt. Wir bewundern die Perfektion der Darbietung. Und greifen sogleich in den Plattenschrank, wo eine große Zahl an tiefsinnigen Aufnahmen dieser Stücke liegt.

Tom Persich, 26.06.2009



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Kommentare

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Geehrter Herr Persich, da scheint Ihnen die Schreibfeder ja ziemlich ungekonnt entglitten zu sein. Die andere Vermutung wäre, dass Sie wohl von Musik im praktischen Sinne - somit auch von Brahms - nichts Wesentliches verstehen. Auch wenn Sie tiefstes Verständnis vorgaukeln: \"Gerade der späte Brahms aber ist rau, er ist grantelig, er ist unbequem, er hat auf der Schönheit der Töne immer einen Schatten, er braucht Luft zum Atmen.\" Eine Platitude nach der anderen, als habe Brahms Ihnen gestern erklärt, was Sache ist. Pauschal und doch absurd. Letzen Endes spricht es mit Sicherheit nur FÜR Anna Gourari, so extreme Reaktionen hervorzurufen. Einerseits allerhöchstes Lob (von viel kompetenter Seite) in der FAZ, Fono Forum, Die Welt etc. Andererseits vereinzelte, von Unpersönlichkeit gezeichnete Meinungen, wie die Ihre im ansonst sehr informativen und wirklich lesenswerten Magazins RONDO. Wenn Journalisten Ihrer couleur sich in der wohligen Wärme des vagen Durchschnitts sicher fühlen, und die große Kunst Anna Gouraris, einer Künstlerin, die selbständig und unangepasst ist, nicht verstehen, dann muss das schlicht als Lob verstanden werden. Lieblicher Einheitsbrei gefällt Vielen - offensichtlich auch Ihnen. Gestatten Sie eine Platitude von mir am Schluss: wahre Kunst liegt weit außerhalb dieses massen-kompatiblen, lauwarmen Bereichs der Anspruchslosigkeit. Klaus Mergent




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