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Georg Friedrich Händel

Sämtliche Suiten für Klavier

Ragna Schirmer

Berlin Classics/Edel 0016452 BC
(207 Min., 8 u. 9/2008) 3 CDs

Erinnern wir uns: Knapp ein Jahr ist vergangen, da präsentierte Ragna Schirmer einen Haydn, der doch sehr erquickte. Das war ein vitales, facettenreiches Herangehen an die Materie, eine blitzgescheite und dabei doch bescheidene Lesart, die sich wohltuend abhob von der allgemeinen Gemengelage in der Causa Haydn, die dem Meister entweder zu zart oder zu heftig zu Leibe rückte. Kaum war die Scheibe auf dem Markt, nahm die Pianistin ein Großprojekt in Angriff: die Aufnahme sämtlicher Klaviersuiten Georg Friedrich Händels (wobei man richtigerweise sagen müsste: Cembalosuiten). Verwundern durfte das aus zwei Gründen nicht. Einmal begeht die Musikwelt heuer den 250. Todestag des großen Barockmeisters; Zeit für eine Bestandsaufnahme. Und da Ragna Schirmer zudem in unmittelbarer Nähe des Genius' (oder besser: seines Denkmals) lebt, in der schönen Saale-Stadt Halle, dort, wo Händel anno 1685 das Licht der Welt erblickte, bot es sich an, das Gesamte zu schauen, im konkreten Fall weit über drei Stunden Musik.
Ragna Schirmer hat das mit einer wohltuenden Dezenz getan. Ihr Spiel ist, wenn man das sagen darf, lupenrein. Es ist, bei sparsamem Pedalgebrauch, sauber phrasiert, es lässt den Sätzen ihre jeweilige Gestalt, ihren Charakter, und es fügt nichts Außergewöhnliches hinzu – was angesichts der Tatsache, dass es bezüglich der Kunst der Verzierung einigen Freiraum bei Händel gibt, zweifelsohne für die unbedingte Integrität der Interpretin spricht. Und doch will man mit dieser Einspielung so gar nicht glücklich werden. Und das liegt vor allem an Angela Hewitt. Wie diese Pianistin der barocken Musik duftende, ja geradezu sinnlich-erotische Züge verleiht, wie sie mit ihrem betörend nuancierten Spiel, in dem sich Feder und Eisenkiel die Hand reichen, in jedem Stück einer Suite von Rameau, Couperin oder Johann Sebastian Bach (und eben auch Händel) eine kleine Welt kreiert – das kann man einfach nicht außer Acht lassen, wenn man sich dagegen die biedere, kämmerlingshafte Betulichkeit dieser vorliegenden Aufnahme vergegenwärtigt. Greifen wir einfach ein Stück heraus, die Suite in d-Moll, HWV 437: Die Stimmen laufen schon in der Allemande einfach artig durch den Notentext, aber da ist kein Geheimnis, welcher Art ihre Beziehung zueinander sein könnte. In der Courante ein ähnliches Bild: Das ist viel zu behäbig, zu akkurat, auch zu gewöhnlich (im Wortsinn) angetastet. Und erst in der Sarabande: Wo sind die Farben? Wo die feinen Abstufungen, die aus dem Bereich zwischen piano und mezzoforte sich hinauswagen. Wo die Variabilität der Bewegungsmuster? Kurzum: Wo wohnt der Zauber? Wir haben ihn vergeblich gesucht.

Jürgen Otten, 03.04.2009



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Gegen die Werbung für Angela Hewitt wäre im Prinzip nichts einzuwenden, wenn sie Händel denn bisher aufgenommen hätte. Eine Recherche bei Amazon und ein Blick auf ihre Diskographie besagen das Gegenteil. Und wenn Ragna Schirmers Interpretation der Händel-Suiten mithin von kämmerlingshafter Betulichkeit zeugen soll, dann ist Evgeni Koroliovs Ansatz auf jeden Fall ein tongewordenes Barbiturat. Das Problem: Aufnahmen der Händel-Keyboard-Suiten auf dem modernen Konzertflügel kann man an einer Hand abzählen, wenn ich mich nicht täusche, sogar an drei Fingern. Auch die Einspielungen von Richter/Gavrilov, aufgenommen in den 60ern und 70ern (EMI Doppel-CD), sind unterm Strich nicht gerade temperamentvoll. Abgesehen davon haben sich hier die zuständigen Toningineure (oder später: Remasterer) nicht mit Ruhm bekleckert. Cembalo-Einspielungen der Suiten aus jüngerer Zeit gibt es hingegen einige, zumal sehr verschiedene. Das wäre Anlass für eine Sammelrezension. Der Rezensent könnte wahrscheinlich eine existierende Aufnahme als Favoriten benennen.




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