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Peter Iljitsch Tschaikowski

Dornröschen-Transkriptionen

Lev Vinocour

(68 Min., 7/2008) 2 CDs

Jedes Kind kennt dieses Stück. Oder zumindest die Geschichte, die dieses Stück erzählt, die Geschichte von Dornröschen, der schlafenden Schönheit, die so lange schläft, bis der Prinz kommt und sie erweckt. Tschaikowskis gleichnamiges Ballett hat dies in wunderbare Klänge gefasst, denen der Vorwurf des Kitsches nichts anhaben kann. Schönheit ist unantastbar, unvergänglich. Aber sie verändert ihr Antlitz, weil die Bedingungen ihrer Existenz, das sogenannte environment, sich verändern. Genau diese Metamorphose von Leben und Kunstwerk will der russische Pianist Lev Vinocour mit der vorliegenden Aufnahme dokumentieren. Um dies zu tun, stellt er zwei Klaviertranskriptionen des Tschaikowskiballetts einander gegenüber: hier die gediegene, beinahe gemütlich-erhabene von Fürchtegott Theodor Kirchner, die um 1890 entstand und zehn Stücke umfasst, dort die trennscharfe, brillante, konfrontative (und deswegen ein bisschen ungemütliche) Konzertsuite seines Lehrers Mikhail Pletnev, die das "Dornröschen"-Geschehen in fein geschliffenen, kristallinklaren musikalischen Short Cuts nacherzählt.
Gerade in dieser Version vermag Vinocour vollends zu überzeugen. Und nicht nur als Virtuose, der er zweifelsohne ist. Bestechend vor allem die Vielheit und Differenziertheit an Klangbildern (so etwa in dem Stück "Silberfee"), an artikulatorischen Effekten (etwa in "Tanz der Pagen" und im "Finale"); bestechend auch die narrative Energie, über die dieser Pianist gebietet, nicht zuletzt in dem ausgreifenden Adagio vor dem Finale. Kurzum: Ein schillerndes Vergnügen, das geschickt zwischen dramatischer und lyrischer Ebene changiert. Auch Kirchners Fassung profitiert von Vinocours Klangsinn, vermag aber gegen das Kaleidoskopische der Pletnev-Version nicht anzukommen. Und dies trotz der von Vinocour arrangierten Apotheose, die nicht nur Dornröschen wecken würde.

Tom Persich, 19.12.2008



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Wertung (2 von 5) und Rezension kommen nicht zur Deckung.




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