Eine "Meistersinger"-Sensation: Die 1968er Produktion dieser Oper im Bayreuther Festspielhaus war bisher niemals irgendwo erhältlich; und nun plötzlich ertönt sie, einst mitgeschnitten vom Bayerischen Rundfunk, in Stereo aus den heimischen Boxen, in störungsfreiem, akustisch tadellosen Gewand. Schön, dass es solche Überraschungen immer wieder einmal gibt.
Zur Brillanz der musikalischen Gestalt des Mitschnitts trägt maßgeblich der Wiener Tenor Waldemar Kmentt bei: Besser als manchem seiner damaligen und heutigen Fachkollegen gelingt es ihm, lyrischen Schmelz und leidenschaftliche Begeisterung in seinem Vortrag zu vereinen; er gibt stets alles, ohne deshalb im finalen Preislied matt klingen zu müssen. Zwar muss er hier und da ein wenig die Pobacken zusammenkneifen, um das nötige Metall bieten zu können – aber er hält durch, muss nicht forcieren und versteht es, mitzureißen. Gewöhnungsbedürftiger schon ist der Sachs von Theo Adam: Auch er meistert die Partie in puncto Kräftehaushalt bravourös, zeigt keine Verschleißerscheinungen; sein gutturales Timbre jedoch und seine häufig aspirierten Melismen evozieren den Eindruck biederer Selbstgefälligkeit – das ist nicht ohne Weiteres erträglich. Die Stimmung des sensiblen Hörers droht zu kippen, wenn er dem hervorragenden Gesang Karl Ridderbuschs in der Rolle des Veit Pogner lauscht, ohne dabei ausblenden zu können, dass dieser Sänger ein Sammler von Nazi-Devotionalien und ein Nazigrößen-Verehrer war – ob es sinnvoll gewesen ist, diesen Mann ausgerechnet 1968 in den Bayreuther "Meistersingern" auftreten zu lassen? Und bei Karl Böhm, dem souveränen, höchst inspirierten und profilierten Dirigenten des Abends, vermag einem erst recht nicht wirklich wohl zu sein, wenn man an sein fragwürdiges Verhältnis zu Nazideutschland denkt – aus welchem Geist heraus legten solche Künstler eine "Meistersinger"-Darbietung an? Der informierte Hörer sollte sich dieser Fragestellung nicht ganz verschließen.

Michael Wersin, 07.11.2008



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Vielleicht droht \"die Stimmung des sensiblen Hörers\" ja tatsächlich zu kippen. Zumal bei einem ideologisch vorbelasteten Werk wie den \"Meistersingern\". Die Stimmung des interessierten Lesers leidet allerdings mindestens ebenso sehr unter der mangelnden Substanz, welche die Kritiken von Herrn Wersin leider oft auszeichnet. Denn über die eigentlich zu besprechende Aufnahme erfährt man hier, im Gegensatz zur Biographie der Mitwirkenden, nur wenig Tiefgründiges.


Muss ich mir diese Aufnahme nun mit anderen Ohren anhören, da ich nun weiss, dass Karl Ridderbusch ein Verehrer von Nazi-Grössen war ? Übrigens sang dieser den Sachs einige Jahre später auf dem grünen Hügel. Ansonsten gibt die Rezension durchaus Aufschluss über die gebotenen Sängerleistungen, zumindest nicht weniger als in den heutzutage allerorts zu findenden Rezensionen. Allerdings von einer Sensation zu reden ist weit übertrieben. Eine Sensation wäre gewesen, hätte sich ein Mitschnitt der Generalprobe gefunden, in der der Sachs noch durch Walter Berry verkörpert wurde.




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