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Béla Bartók

Klavierkonzerte Nr. 1 und Nr. 2

Zoltán Kocsis, Budapest Festival Orchestra, Iván Fischer

Philips 446 366-2
(1985, 1987) DDD

Wilhelm Furtwängler trat der Schweiß auf die Stirn. Das passierte ihm nicht alle Tage. Er konnte sein Orchester nicht zusammenhalten und der asketisch-nobel aussehende Pianist schaute inzwischen ausgesprochen böse: Béla Bartók, der unter Furtwängler sein erstes Klavierkonzert in Frankfurt uraufführt. Danach musste er zugeben, dass die Schwierigkeiten des Stückes wohl zu groß seien. Sechzig Jahre später aber sind Interpreten herangewachsen, die sie mit so viel Lust und Kraft meistern, dass die ganze revolutionäre Wildheit Bartóks mit betäubender Unmittelbarkeit über uns hereinbricht: diese beiden Konzerte zählen zu den lustvollsten Hörerfahrungen, die unser Jahrhundert bietet.
Bartóks aus der ungarischen Volksmusik befeuerte rhythmische Kraft sticht weit ab von der Mathematiker-Musik der Wiener Schule. Das Finale des zweiten Konzerts - der Basstrommelhieb im dreifachen Forte kann Boxen sprengen - ist eine der Schlagzeug-Orgien der klassischen Moderne. Die langsamen Mittelsätze aber sind tiefe, unheimliche Nachtmusiken. Die Ausdruckskontraste sind gewaltig, unermesslich ist auch die satztechnische Kunst, die unter der aufgewühlten Oberfläche liegt.
Überwiegend Ungarn haben sich an diese gewaltige Interpretenaufgabe gemacht. Anda, Jandó, Kocsis und Schiff. András Schiff schreibt, man müsse, um das zu spielen, die ungarische Sprache verstehen. Ich mag solche Exklusivitäts-Thesen eigentlich nicht, aber hier hat er vielleicht recht. Merkwürdig ist zumindest, dass keine dieser vier Aufnahmen schwach, missraten wirkt, im Gegenteil. Aber im direkten Vergleich wächst die Version von Zoltán Kocsis doch ins pianistisch Riesenhafte. Schon beim oberflächlichen Hören springt ihre hinreißende Vitalität über; die Stretta im ersten Konzert klingt wie eine explodierende Bauernhochzeit und in den schauderhaft schwierigen letzten Seiten des Finales macht es Kocsis Spaß, anzugreifen, das Tempo noch anzuziehen.
Doch das Verblüffendste ist der fiebertraumhafte Mittelteil im Adagio des zweiten Konzerts: fünfzig Takte lang pulsiert da ein Zwölfton-Ballen, irrlichtern kaum noch spielbar schnelle Skalen. Die geradezu psychedelische Bizarrerie dieser Musik spielt Kocsis mit einer unglaublichen, geradezu romantisch-schwelgerischen Klangfantasie, mit der er alle widerlegt, die in Bartók immer nur Gehämmer und Barbarismo erkennen wollen. Doch Kocsis steht nicht allein. Iván Fischer hat mit dem Budapester Festival-Orchester einen idealen Bartók-Klangkörper geschaffen, der Kocsis durch Trubel und Zartheiten dieser Einspielungen trägt.

Matthias Kornemann, 01.12.1999



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