Béla Bartók

Konzert für Orchester

Chicago Symphony Orchestra, Fritz Reiner

RCA/BMG 09026 61504 2
(1955) ADD

Béla Bartók

Konzert für Orchester

Chicago Symphony Orchestra, Georg Solti

Decca 417 754-2
(1980) DDD

Béla Bartók

Konzert für Orchester

London Symphony Orchestra, Antal Doráti

Decca 417 754-2
(1980) DDD

Béla Bartók

Konzert für Orchester

London Symphony Orchestra, Antal Doráti

Mercury Living Presence/ Philips 432 017-2
(1962) ADD

Seine geliebte Heimat sollte er nicht mehr wiedersehen: Bartóks Konzert für Orchester entstand während eines Kuraufenthaltes im Jahre 1943, als er schon unheilbar an Leukämie erkrankt war. Auch wenn das fünfsätzige Werk gleich zwei scherzohafte Sätze enthält, haben die Wirren des Zweiten Weltkriegs in diesem monumentalen Schlußstein von Bartóks sinfonischem Werk manche Klangspur hinterlassen, vor allem im dritten Satz, der anrührenden "Elegie": laut Bartóks ausdrücklichem Willen ein Denkmal für die Gemordeten Europas.
Bei Deutungen dieses Werks kommt es vor allem darauf an, dass die Musik "ungarisch" spricht. Die drei Dirigenten, deren Aufnahmen ich empfehle, beherrschen ihre Muttersprache auch in Noten und bieten dennoch auf faszinierende Weise unterschiedliche Interpretationen. Fritz Reiner hat elf Jahre nach der Uraufführung einen Kraftakt vorgelegt, an dem sich alle Nachfolger messen lassen müssen. Aber, ganz wichtig bei Bartók, diese unglaubliche Energie entsteht quasi von selbst, ohne zu schwitzen. Die "Elegia" greift dem Hörer unmittelbar ans Herz. Wenn sich die überhaupt nicht auf Schönklang spielende Oboe als Schäfersklage erhebt, geht einem diese geisterbeschwörende Nachtmusik unweigerlich ins Mark.
Georg Solti lässt solche Düsternis auch in den weiteren Sätzen sich ausbreiten. Also bohren sich die ersten vier Töne des "Intermezzo" unerbittlich ins Ohr, dort wo andere den unverbindlichen Scherz suchen. Im Finale triumphieren die Trompeten nicht, sondern der wahre Kulminationspunkt liegt für Solti in den starren, stumpfen Fortissimo-Akkorden, die dem Blecheinsatz folgen.
Antal Doráti schließlich musiziert mit dem Londoner Sinfonieorchester streng und unerbittlich. Schon der erste Flöteneinsatz weist klagend auf den dritten Satz hin. Und auch sonst wirken die Idyllen, die er inmitten der Apokalypse schafft, höchst zerbrechlich. Im Gegenzug gerät die Elegie fast ein wenig unterkühlt. Bartók war schließlich auch ein Meister der Form, der konzentrierten musikalischen Struktur. Doráti macht da keine Konzessionen, anders als die meisten der heutigen Bartók-Dirigenten (die einzige mir bekannte lobenswerte Ausnahme ist Iván Fischer), die Bartók vorschnell in den neoklassischen Hauptstrom des 20. Jahrhunderts eingemeinden und ihn so seiner Muttersprache berauben.

Stefan Heßbrüggen




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