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Peter Iljitsch Tschaikowski, Frédéric Chopin, Jean-Baptiste Lully, Felix Mendelssohn Bartholdy

Klaviersonate G-Dur u.a.

Shura Cherkassky

Ivory Classics/Naxos 6 44057 09042 5
(73 Min., 4/1982) 1 CD

Am 18. April 1982 gab Shura Cherkassky in San Franzisko einen Klavierabend, dessen eigentümlicher Zauber mich immer wieder hineinzog, auch wenn Cherkassky hier nicht gerade Referenzinterpretationen reiht. Schon die Lully-Suite ist ein pianistisches Fest mit diesem exquisiten Nonlegato und Auszierungen von seltener Schwerelosigkeit.
Im Zentrum des Programms die große G-Dur-Sonate Tschaikowskis, der Cherkassky ihr übliches pomphaft-lautes Auftreten einfach nicht gestattet. Er mag nicht losdonnern. So glättet er die flächigen, mächtigen Steigerungswellen der Kopfsatz-Durchführung zum sachten Gekräusel. Cherkassky nimmt dem üppigen Satz, der Pianisten sonst in Gefahr bringt, ins Lärmige abzugleiten, die dramatische Wucht. Ein wenig klingt das, als markiere ein Heldentenor seinen Part, um die Stimme zu schonen. Cherkassky, gern als letzter Romantiker und flatterhafter Poet apostrophiert, ist gerade dort von fast verschrobener Ausdrucksnüchternheit, wo ihn Satzdichte oder überschwängliche Gefühle zu erdrücken drohen. Dann zieht er sich in die ironische Reserve erlesensten Spiels zurück und schnurrt das Seitenthema im ersten Satz ab, als sei es von Scarlatti.
Wenn es aber gilt, den Charakter eines Themas zu entwickeln und zu verwandeln, kann ihm so schnell keiner das Wasser reichen. Es ist aufregend, wie er das erste Thema von Chopins Polonaise-Fantasie als ungewöhnlich trockenes, noch ungeformtes Gebilde vorstellt, dem er dann gleichsam eine fantastisch reiche Klangbiografie schreibt. Cherkassky war viel mehr Epiker als Dramatiker, und er war ein Pianist freundlich-skeptischer Distanz. Diese CD setzt seinen Tugenden ein wunderschönes Denkmal.

Matthias Kornemann, 21.06.2001



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