Das Gedöns um seine Münchner Inthronisation klingt allmählich ab, so dass man nun wieder nüchterner das betrachten kann, was er selbst sein kapellmeisterliches Handwerk nennt. Christian Thielemann, der selbsternannte Gralshüter der deutschen Romantik, dessen CD-Visitenkarten bislang von höchst überflüssigen, langweilig lärmenden Beethoven-Einspielungen bis zu glühenden Wagner-, Strauss- und Pfitzner-Exegesen reichen, wartet nun mit sieben "German Overtures" auf. (Dass ausgerechnet er, den man allseits mit "deutsch" schlechthin assoziiert, nun von diesem seinem "deutschen" Label derart verdenglischt-globalisiert vermarktet wird, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Oder glauben die jugendgetrimmten Labelmacher, ein amerikanischer oder japanischer Musikfreund würde "Deutsche Ouvertüren" nicht verstehen?). Doch alles deutsche Gedöns mal beiseite: die Idee des Ouvertüren-Programms hat weitgehend Stringenz. Bis auf zwei zeugen sie alle mehr oder minder von der Shakespeare-Verehrung der deutschen Romantiker in der ersten Hälfte des "romantischen" Jahrhunderts. Vor allem das von Elfen, Nixen, Feen und Kobolden bewohnte Zauberreich Oberons und Titanias hatte es ihnen angetan. Entsprechend flirrend, spukend, vibrierend und luftig-leicht kommt Mendelssohns genialer Jugendstreich der "Sommernachtstraum"-Ouvertüre daher.
Doch Thielemann, dieser Priester der Langsamkeit im Dienste orchestral-farblicher Feinarbeit, lässt die Geister wohl gestochen präzise und "korrekt", gleichwohl recht behäbig umherflattern. Seine oft schon propagierte, höchst löbliche Abneigung vor Schludrigkeit beim allzu oft Gehörten gerät hier zum Detailfetischismus um seiner selbst willen. Statt tänzelnd die Elfen vorbeihuschen zu lassen, klebt er an - zugegeben: kammermusikalisch ausdifferenzierten - Einzelheiten.
Thielmanns eigentliches Augenmerk gilt den genuin deutsch-romantischen Sehnsuchtspassagen. In diese ist er allerdings derart verliebt, dass ihm jegliche Temporelation, jegliches Formgefühl fürs Ganze abhanden kommt. Auch die kleinste Seelenregung wird tiefsinnigst mit viel Rubato-Klebstoff zerdehnt, damit ins Manierierte verzerrt. Pars pro toto das Klarinettenthema der wunderbaren, wild-romantischen "Hebriden"-Ouvertüre: anstatt ihre "Sehnsucht" für sich selbst sprechen zu lassen, inszeniert Thielemann demonstrativ einen Stillstand mit drei Ausrufungszeichen.
Andererseits: wenn die grandiosen Wiener Streicher mit leichtem Glissando "singen" dürfen, so etwa in Nicolais "Lustigen Weibern", muss man dahinschmelzen. (Allerdings hilft dies letztlich Nicolais Opus, das en gros ein peinliches Potpourri bleibt, nicht weiter, und Marschners "Hans Heiling" darf ruhig weiterhin im Notenschrank schlummern). Schließlich ist Thielemann der zu Recht Gefeierte, wenn's prachtvoll und feierlich wird, wie in Wagners Rienzi-Hymnus. Aber nur dann.

Christoph Braun, 04.12.2004



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