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Felix Mendelssohn Bartholdy

Psalmen und Motetten

RIAS Kammerchor, Marcus Creed

HMF/Helikon HMC 901704
(57 Min., 9/1999) 1 CD

Mendelssohns Frömmigkeit war romantisch und undogmatisch und typisch für das bürgerlich säkularisierte Umfeld, in dem er aufwuchs. In vielen seiner geistlichen Werke spiegelt sich ein Geist stiller Demut und keuscher Ergebenheit, was indes nicht bedeutet, dass Mendelssohn auf dramatisch leidenschaftlich und kraftvolle Akzente verzichtet hätte. Charakteristisch für fast all seine geistliche Musik ist ein melodischer Schmelz, der bei verschlepptem Zeitmaß die Gefahr in sich birgt, ins Sentimentale abzugleiten.
Dies ist nicht das Problem von Marcus Creed - dafür hat er ein anderes: Allzu zaghaft geht er Mendelssohns Musik an, nähert sich ihr in ängstlicher Ehrfurcht und umgibt sie mit einem gekünstelten Heiligenschein. Er scheint der Kraft des Wortes nicht zu trauen. Gleich zu Beginn von Psalm 100 etwa heißt es freudestrahlend "Jauchzet dem Herrn alle Welt"; ein Satz, der keinen Zweifel daran lässt, wie er interpretiert werden soll: nämlich mit Kraft, Gewicht und Mut zum Bekenntnis - mit einem musikalischen Ausrufezeichen sozusagen. Stattdessen vernehmen wir ein ästhetisierendes Säuseln, eine bange Mitteilung, die gar keine ist.
Dererlei Stellen gibt es unendlich viele, wie etwa jene, als der Solist in Psalm 22 (op. 78, Nr. 3) fragt: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" und der Chor ihm darauf entgegnet. Nichts wird hier beschworen, keine Verzweiflung, keine existenziellen Konflikte, lediglich ein esoterisch angehauchter narzistischer Schöngesang ist zu hören. Creeds unentschlossene Lesart bestätigt leider nur das Vorurteil vieler, dass Kirchenmusik etwas unendlich Langweiliges und Blutleeres sei.

Teresa Pieschacón Raphael, 02.11.2000



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