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Nahnou Houm

Jon Balke, Siwan

ECM/Universal 5789560
(48 Min., 1/2017)

Gute Musiker sind selten so eindimensional, dass sich ihr Schaffen auf ein Schlagwort konzentrieren beziehungsweise in einer gedanklichen Schublade ablegen ließe – es sei denn, man wähle den Oberbegriff „vielfältig“. Der norwegische Pianist Jon Balke kann auf Rockjazz, Ethno-Jazz, von norwegischen Traditionen beeinflussten Bigband-Jazz, Theatermusiken und vieles andere zurückblicken. Mit seinem Ensemble Siwan näherte er sich bereits der andalusischen Musik, und nun weitet er dieses Konzept auf Barock und Vorderasien aus.
Der musikalische Übergriff über Welt und Zeit funktioniert, weil Balke die Elemente nicht gegenüberstellt, sondern integriert. Neun der elf Stücke entstammen seiner Vorstellungskraft. Mit zwei Ausnahmen: Das von Mona Boutchebak solo gesungene „Ma Kontou“ ist ein traditionelles andalusisches Lied, und „Zem Zemeh“ hat Pedram Khavar Zamini geschrieben, wobei hier zarte Synthesizerklänge den Hintergrund für sein Solo auf der Bechertrommel Tumbak bilden. Ansonsten dominiert das Ensemblespiel.
So steuert der Kontrabassist Johannes Lundberg groovende Jazzlinien bei, die wunderbar mit den mediterranen Rhythmen der Percussionisten Helge Norbakken und Pedram Khavar Zamini harmonieren. Derya Turkan verstärkt mit der aus dem türkischen Kulturraum stammendenden, gestrichenen Kurzhalslaute Kemençe dieses orientalische Flair. Drei Geigen, drei Bratschen und zwei Celli entführen sowohl in barocke als auch in orientalische Gefilde, ergänzen aber auch zusammen mit Keyboardklängen Balkes nicht geografisch zu verortende Flächen und Bewegungen.
Kulturtheoretiker behaupten manchmal, Künstler seien Seismografen, die gesellschaftliche Entwicklungen vorausahnen. Darüber könnte man sich im Falle von Jon Balkes Ensemble Siwan freuen. „Wir sind sie“, lässt sich der Albumtitel übersetzen. Wenn das jeder sagt, wird daraus das, was die Musik erzählt: Wir sind wir, eine Einheit unterschiedlicher Elemente, ein harmonisches Miteinander, das Herkünfte und Zeit im erfüllten Jetzt vergessen lässt. Eine schöne Utopie und ein hoffnungsvoller Gegenpol zu dem im Booklet beschriebenen, aggressionsgetriebenen Weltzustand.

Werner Stiefele, 02.12.2017



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