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Claude Debussy

Images I & II, „Children’s Corner“, Suite Bergamasque, „L’Isle joyeuse“

Seong-Jin Cho

Deutsche Grammophon/Universal 479 8308
(72 Min., 6/2017)

Es ist eine Crux, dass sich immer wieder aufs Neue junge Künstler mit einem Repertoire beweisen müssen, das interpretatorisch schon längst abgegrast zu sein scheint. Die vielbesprochene Musealität unserer klassischen Musikkultur ist wohl der Hauptgrund für dieses Problem – weder ein Bach noch ein Brahms mussten als Tastenvirtuosen das Replizieren von Werken ihrer Vorgänger ins Zentrum stellen, sondern präsentierten sich selbstverständlich mit eigenen Kompositionen. Verschärft tritt das Problem aber im Zusammenhang mit dem „jüngeren“ Repertoire aus dem 19. und 20. Jahrhundert zutage: Hier ist eine „historisierende Aufführungspraxis“, basierend auf zeitgenössischen Quellen, noch nicht ein so starkes Desiderat, dass ein vollkommenes Neu-Lesen und Neu-Erarbeiten dieser Musik schon zwingend, sinnvoll und maßgeblich erhellend schiene. Und so stellt sich ein junger Koreaner namens Seong-Jin Cho auf diesem Album der Aufgabe, Klaviermusik von Debussy, die u. a. durch Gieseking und Aimard schon maßstabsetzend eingespielt wurde, aus der Perspektive seiner eigenen künstlerischen Erfahrung noch einmal einzuspielen; seine Visitenkarte ist ein Studium in Paris, immerhin bei Michel Béroff.
Welche besonderen Qualitäten hat nun Seong-Jin Chos Interpretation? Nun, es ist in der Tat so, dass nicht nur in den schönsten Momenten dieser Aufnahme, sondern eigentlich allenthalben ein spezieller Lyrizismus aufleuchtet, den man so nicht allzu oft hört. Er basiert auf einer tiefen Vertrautheit mit dem Stimmengeflecht, dem komplexen Miteinander der horizontalen Linien der präsentierten Werke, und teilt sich auf dieser Basis durch eine ansprechende Gesanglichkeit des Spiels mit. Die „Hommage à Rameau“ etwa lebt ganz unmittelbar von dieser Kunst, und in den „Reflets dans l’eau“ erfährt sie angesichts der technischen Schwierigkeit des Stücks, die dem nonverbalen Singen Seong-Jin Chos nirgends im Wege steht, ihre Apotheose. In den stilisierten Tanzsätzen der „Suite bergamasque“ schließlich bedingt sie einen veredelt-eleganten salonmusikalischen Tonfall, der den nicht zu unterschätzenden Unterhaltungscharakter dieser Musik unterstreicht. So gehört, kann man diese Darbietung altbekannten Repertoires wirklich im Sinne einer Aktualisierung erleben und rezipieren.

Michael Wersin, 02.12.2017



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