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Georg Philipp Telemann

Quatuors Parisiens

Nevermind

alpha/Note 1 ALP299
(64 Min., 2/2017)

Ein Lehrstück über den Stellenwert adäquater Interpretation innerhalb des Rezeptionsprozesses ist diese schöne Telemann-CD. Telemann gehört ja u. a. mit Händel und Vivaldi in die Riege jener hochkarätigen Barockkomponisten, die im Nachkriegsdeutschland ausführlichst in musikaffinen Bürgerhäusern und in Jugendmusikschulen dilettiert wurden – im Gegensatz zu Bach, der mit einem beträchtlichen Teil seiner Werke eher ein Hohepriester-Image erhielt: An diese tiefgründige, schwere Musik wagte sich der Laie nicht ohne weiteres heran, so etwas genoss man im Konzert.
Nun ist es ja auch kein Wunder, dass die Musik Telemanns und der beiden anderen oben genannten Meister stets zugänglicher und „machbarer“ schien: Schließlich waren diese Komponisten seinerzeit auch geschickte Musikunternehmer, die u.a. vom Verkauf der Noten ihrer Werke leben mussten. Solche Rücksichten brauchte Bach nicht zu nehmen. Dass etwa Telemanns Quartette, von denen wir auf dieser CD insgesamt vier aus den Sammlungen von 1730, 1738 und 1752 hören, auf den ersten Blick leichter spielbar sind, schmälert aber keineswegs ihren Wert; allerdings nimmt das Image solcher Stücke nachhaltig Schaden, wenn sie stilistisch nicht adäquat interpretiert werden.
Diese immer noch bestehende Rezeptions-Lücke schließen Interpreten wie die Musiker von „Nevermind“, wenn sie auf der vorliegenden CD mit historischen Instrumenten zeigen, was in dieser ungeheuer vielfältigen, facettenreichen Musik an unterschiedlichen Ausdrucksgesten und Affekt-Nuancen steckt. Eine angenehm prägnante und sehr differenzierte, aber niemals ruppige Artikulation, eine faszinierende Klangsinnlichkeit und eine bemerkenswerte Energiefülle zeichnen diese Darbietungen aus. Die Continuo-Ebene ist mit einem prächtigen, klangkräftigen Cembalo erstklassig besetzt. Eine Violine und eine Traversflöte veredeln die Diskantebene; häufig demonstrieren sie ihr Verschmelzungspotenzial bei gleichzeitiger Wahrung des je eigenen Timbres auch in kurzen Oberstimmen-Bicinien ohne Bassbeteiligung. Zwischen diesen Ebenen vertritt eine Viola da Gamba mit aufs Brillanteste die Tenorlage.
Telemann aus der Ecke des wohlfeilen Gebrauchsrepertoires herauszuholen hilft diese CD also allemal; unabhängig davon liefert sie einen üppigen Strauß hochbarocker Kammermusik von allerfeinster Qualität. Ein Muss für jeden Liebhaber solchen Repertoires.

Michael Wersin, 07.10.2017



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