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Pelagos

Stefano Battaglia

ECM/Universal 5768963
(132 Min., 5/2016) 2 CDs

Als John Cage 1940 für die Begleitmusik zum „Bacchanale“ der Tänzerin Syvilla Fort erstmals ein Klavier präparierte, hatte er das Stück selbst notiert. Stefano Battaglia improvisierte drei der auf dem Doppelalbum vorgestellten siebzehn Stücke an einem mit Gongs und anderen Materialien präparierten Flügel. Bei den übrigen vierzehn saß er an einem herkömmlichen, nicht modifizierten Instrument. Leise, dissonant und schnarrend leitet das meditative „Destino“ den Reigen der live und – ohne Publikum – vor dem Konzert aufgenommenen Stücke ein, wobei Battaglia mit der einen Hand ein präpariertes und mit der anderen ein unpräpariertes Instrument spielt. Über das zurückhaltende „Pelagos“ und ein von einem trippelnden Ostinato geprägten „Miralia“ bringt das maurische Volkslied „Lamma Bada Yatathanna“ eine besinnliche Melodie. Mit Gongschlägen aus dem präparierten Instrument beginnt ein karges „Processional“, während sich im „Halap“ alles im Kreis zu drehen scheint. Gedämpfte Basstöne und Gongs aus dem präparierten Piano schaffen in „Dogon“ neue Unruhe, bevor „Life“ feierliche Ruhe ausstrahlt, die in „Lampedusa“ ausdünnt. Die „Hora Mundi“ bringt neue Unruhe, eine zweite Version von „Lamma Bada Yatathanna“ holt die maurische Melodie zurück, während „Exilium“ einem neuen im Kreis verlaufenden Thema folgt. Im Vergleich dazu wirkt „Migration Mantra“ hell, klar und freundlich. In „Horgos E Roszke“, benannt nach einem Grenzübergang zwischen Ungarn und Serbien, schreitet das Geschehen nur langsam und ermüdend voran, während „Ufratu“ – ein alter Name des Euphrat – sanft drängende Wellenbewegungen durchziehen. Doch die Stimmung trügt: Mit „Heron“ – so die englische Übersetzung von Fischreiher – droht mit unruhigen Klangwolken aus dem präparierten Flügel neues Ungemach. Erst die „Brenner Toccata“ verheißt Glück, Ruhe, Gelassenheit und Sonnenstrahlen. Wer wolle, könne in dem mehr als zweistündigen Doppelalbum eine „Meditation über Exil und Migration“ hören, zitiert der Pressetext zum Album Stefano Battaglia. Die ist ihm sehr feinfühlig und eindrucksvoll gelungen.

Werner Stiefele, 23.09.2017



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