Dass die französische Sopranistin Véronique Gens die ideale Sängerin für Opernfiguren ist, die es im Leben nicht einfach gehabt haben, hat sie immer wieder mit beachtenswerten CD-Recitals unter Beweis gestellt. Nicht zuletzt mit ihrer Reihe „Tragédiennes“ spannte sie dafür im Repertoire einen Bogen vom Barock hin zur Romantik. Mit „Visions“ legt Gens nun ein Album mit Ausschnitten aus Opern und geistlichen Werken ausschließlich aus der französischen Romantik vor. Aber wieder stehen Frauengestalten am Rande des Wahnsinns und des Zusammenbruchs im Mittelpunkt. Und nicht selten hadern sie mit den Verlockungen der körperlichen Liebe. Wie „Béatrix“ in Camille Saint-Saëns „Étienne Marcel“ oder eine gewisse Lalla-Roukh, die Titelheldin eine Oper von Félicien David. Solche Raritäten hat Gens jetzt zusammen mit dem Alte Musik-Connaisseur und Dirigenten Hervé Niquet ausgegraben und mit dem Münchner Rundfunkorchester aufgenommen. Und welche dieser Arien von längst fast vergessenen Komponisten man herauspickt – Gens verwandelt jede mit ihrer kräftigen, ungemein nuancenreichen Farbgebung sowie beherrscht-expressiven Sinnlichkeit in eine Kostbarkeit. Ob die „Geneviève“ von Alfred Bruneau, ob die „Stradella“ des gebürtigen Schweizers und späteren Wahl-Parisers Louis Niedermeyer oder die Figur der „Jeanne“ aus Benjamin Godards „Les Guelfes“. Aber auch in den Ausschnitten etwa aus Jules Massenets „La Vierge“, Georges Bizets „Clovis et Clotilde“ und César Francks „Les Béatitudes“ und „Rédemption“ verwandeln sich Pathos und Sentiment dank raumfüllender Klangkulinarik in eine solch mitreißende Dramatik und Suggestivität, dass man sich eigentlich nun wünschen möchte, Gens & Niquet mögen so manchem dieser Arien-Häppchen bald die ganze Oper folgen lassen.

Guido Fischer, 23.09.2017



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