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Cross My Palm With Silver

Avishai Cohen

ECM/Universal 5729057
(39 Min., 9/2016)

Auf seinem ECM-Debüt „Into the Silence“ verarbeitete der israelische Trompeter Avishai Cohen behutsam den Tod seines Vaters. Um Trauer geht es auch auf dem Nachfolger. Doch diesmal weitet Cohen das Motiv auf eine globalere Ebene aus. Die Stücktitel beziehen sich auf die Todesängste syrischer Kinder („Will I Die, Miss? Will I Die?“), Opfer von Amokläufen („Theme For Jimmy Greene“), ertrunkene Flüchtlinge („340 Down“) und den scheinbar niemals endenden Nahost-Konflikt („50 Years and Counting“).
Da ist die Frage durchaus berechtigt: Muss eine 39-minütige Kammerjazz-CD nicht zwangsläufig unter dem gewaltigen Druck solch schwerer Themen zusammenbrechen? Nicht bei Cohen, dessen Trompete wie ein sensibler Seismograf das Unbehagen der westlichen Welt auslotet – mit einem Ton, der in seiner Verlorenheit von Miles Davis herkommt, sich aber in seiner kämpferischen Robustheit gegen allzu plakative Melancholie zu wappnen weiß.
Nur einmal, in „Theme For Jimmy Greene“, lässt Cohens Spiel an Waffen, Tod und Verderben denken. Fanfarenhaft erhebt sich die Trompete und sendet eigentümliche Signal-Motive aus, die an Militärbegräbnisse, aber auch an Polizeisirenen erinnern mögen. Sonst aber meidet er mit seiner extrem subtil arbeitenden Band (am Klavier Yonathan Avishai, am Bass Barak Mori, am Schlagzeug Nasheet Waits) alles aufdringlich Konkrete.
Die Stücke auf „Cross My Palm With Silver“ wirken vielmehr wie Meditationen über das Verhältnis zwischen dem Individuum und der Gesellschaft – oder, auf den Jazzkontext übertragen, zwischen dem Solisten und seinen Mitstreitern. Cohens Quartett tritt immer wieder in einen thematischen Dialog, indem Melodiemotive innerhalb der Gruppe herumgereicht werden. Da nimmt dann die Trompete im Verlauf eines Stückes plötzlich die Basslinie des Anfangs auf wie einen vergessenen Gesprächsfaden. Es kann aber auch vorkommen, dass ein Diskutant sich der Runde verweigert und stur auf seiner Meinung beharrt wie Pianist Avishai mit seinem wiederkehrenden Minimal-Pattern im Hintergrund von „Shoot Me In The Leg“.
Dieses Stück ist auch aus einem anderen Grunde bemerkenswert. Allmählich verstummt da die Gruppe, zum Schluss hört man nur noch den Bandleader, der noch lange ein trauriges Lied auf dem Horn singt. Das von Cohen dadurch vermittelte Gefühl der Einsamkeit und der Hilflosigkeit ist so eindringlich, dass man Gänsehaut bekommt. Weil man es so gut kennt, als überforderter Nachrichtenkonsument im Angesicht der Welttragödien.

Josef Engels, 09.09.2017



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