Man musste bisher die Augen schon gehörig schärfen, um auch nur sporadisch den Namen „Rudi Stephan“ auf den Programmzetteln von konzertierenden Raritätenliebhabern zu finden. Der musikalisch breiten Öffentlichkeit hingegen sollten er und sein Werk kein Begriff werden, da das Schicksal es mit beidem nicht gut gemeint hat. Der 1887 in Worms geborene Stephan starb bereits 1915 im 1. Weltkrieg. Überdies scheint anschließend nahezu sein gesamtes Schaffen während eines Bombenangriffs 1945 endgültig verloren gegangen zu sein. Unter den wenigen Stephan-Kennern gehört Pianist Hinrich Alpers nicht nur zu den Besten, sondern auch zu den Tatkräftigsten, was sich nun in der erstmals auf CD erschienenen Zusammenstellung von Liedern und Kammermusik aus dem Zeitraum 1904-1914 widerspiegelt. So hat Alpers das Glück des Tüchtigen gehabt und in Archiven etwa die verloren geglaubte „Groteske“ für Violine und Klavier (1911) zumindest als Abschrift entdeckt. Zudem hat er die überarbeitete Fassung der ursprünglich für Tenor komponierten Hebbel-Vertonung „Liebeszauber“ für jene Kammermusik-Besetzung eingerichtet, die identisch mit der von Stephans „Musik für sieben Saiteninstrumente“ (1912) ist. Dieses zweisätzige Werk sowie die „Groteske“ bilden also jetzt den instrumentalen Rahmen eines Liedpanoramas, bei dem Alpers den durchweg auf ungetrübten Genuss abonnierten Solisten zur Seite steht (u.a. Sopran Tehila Nini Goldstein, Bariton Hanno Müller-Brachmann). Überhaupt lässt einen bis zur finalen „Saiteninstrumenten“-Musik diese ebenso reiche wie raffinierte Klangsprache nicht mehr los, die im Groben Züge etwa von Richard Strauss, dem französischen Impressionismus, aber auch von dem auf jugendstilhafte Sehnsuchtsgesten setzenden jungen Arnold Schönberg vereint. Zugleich erinnert dieses wertvolle, weil auch überfällige CD-Porträt dabei an einen Komponisten, der sich musikalisch zwischen all diesen Stühlen eben doch ganz eigen eingerichtet hatte. Man möchte sich gar nicht ausmalen, was für ein Notenschatz da 1945 wohl verbrannt ist.

Guido Fischer, 12.08.2017



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Wenn ein zeitgenössischer Komponist kommerziell erfolgreich ist, wird er oft misstrauisch beäugt. Wenn seine Musik auch noch für Laien interpretierbar ist, umso mehr. Eric Whitacre zum Beispiel: 1980 im amerikanische Nevada geboren, charismatisch, Chor-Guru. Er mobilisiert Massen mit seinen selbstkomponierten Liedern und wird in den USA als Komponist und Dirigent begeistert gefeiert, hat die dortigen Klassik-Charts schon früh erobert. Doch seine Chorsätze sind: einfach gut. Und greifen auf […] mehr »


Top