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Vanishing Night

Paul Brody’s Sadawi

Yellowbird/Soulfood YEB 7763
(49 Min.)

Paul Brody, den John Zorn als Erfinder eines „neuen jüdischen Jazz für das 21. Jahrhundert“ nennt, ist weit mehr als ein bemerkenswerter Trompeter. Der Amerikaner, der seit den 1990er Jahren in Berlin lebt, verfasst Texte, arbeitet als Klangkünstler, der in seinen Arbeiten psychosoziale Phänomene untersucht, und steht auch als musizierender Schauspieler auf der Theaterbühne.
„Vanishing Night“, der Nachfolger der hochgelobten Einspielung „Hinter allen Worten“ mit Gedichten von Rose Ausländer, bezeichnet Brody nun als „Klangporträt“ seines Lebens zwischen den Welten. Das Album, das der Trompeter mit seinem 2011 gegründeten Quintett Sadawi und der Gastsängerin Jelena Kuljić aufgenommen hat, speist sich aus den unterschiedlichsten Inspirationsquellen: Gemälde des in Auschwitz ermordeten Felix Nussbaum, Gedichte des polnischen Poeten Czesław Miłosz, Stücke von Mozart, Bach, Purcell und Haydn, die Brody für Inszenierungen des Theatermachers David Marton umarrangierte – und nicht zuletzt die Berliner Nächte.
Wenn es dunkelt in der deutschen Hauptstadt und die Geräusche leiser werden, setzt sich der Trompeter mit Bleistift, Papier und Mini-Keyboard an den Küchentisch, um die Dämonen drinnen und draußen auf Papier zu bannen. Die Musik, die dabei entsteht, ist keineswegs düster. Ganz im Gegenteil: Oft muss man lächeln über die Ideenvielfalt der Musiker. Da stimmt Gitarrist Christian Kögel mal mitten im Solo das Instrument hoch und runter, entlässt Klarinettist Christian Dawid aus dem Klezmer geborgte Singvögel aus dem Käfig, murmelt und brabbelt der Bandleader wie ein angeberischer Halbstarker in sein Horn („Mighty Max“).
Auch stilistisch schlägt das Quintett weite Bögen. Freiere Passagen wechseln sich mit einer von Bill Frisell herübergewehten Westernstimmung ab, mal taucht ein Reggae-Groove auf, mal trifft früher Rock'n'Roll auf eine gestopfte Trompete, was so klingt, als würden Miles Davis und Screamin' Jay Hawkins gemeinsam im Jenseits jammen. Und wenn die Sängerin Jelena Kuljić hinzutritt, wähnt man sich irgendwo bei Tom Waits und seiner Freischütz-Extravaganza „Black Rider“.
Was insofern auch gut zu dem Titelstück des Albums passt, in dem Brody als lakonischer Poetry-Slammer, dessen Sprechlinien punktuell von Michael Grieners Bass gedoppelt werden, über einen unfreiwilligen Pakt mit dem Teufel sinniert. Es ist der passende Schlusspunkt einer faszinierenden Reise durch die Nacht.

Josef Engels, 12.08.2017



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