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(c) Wien Tourismus/Peter Rigaud

Wien

Schlendern in der Musikgeschichte

Für Musikliebhaber ist Wien das Mekka: Nur hier können Opernpremieren der Tagespolitik den Rang ablaufen. Unser „Café Imperial“-Kolumnist und Wien-Intimus mit ein paar g’standenen Tipps für einen Besuch an der Donau.

Das Bermuda-Dreieck der Klassik befindet sich in Wien zwischen Staatsoper, Konzerthaus (samt Musikverein dazwischen) und Theater an der Wien. Man kann diesen Goldlicht-Bezirk auch in Caféhäusern ausdrücken: Dann läge er zwischen Café Sacher (hinter der Staatsoper), Café Imperial (direkt neben dem Musikverein) und Café Sperl (schräg hinterm Theater an der Wien). Drei berühmte Adressen. Wer hier tagsüber nach Künstlern fahndet, sollte gleichwohl die Probenpläne gut kennen. Sänger sind nicht eben für den Besuch stickiger Lokale bekannt (Ausnahme: siehe „Café Imperial“). Instrumental- Musiker trifft man gelegentlich nach dem Konzert im „Gmoa-Keller“ hinterm Konzerthaus. Burg-Schauspieler eher im „Schnattl“ in der Josefstadt.
Wer ein Wien-Wochenende – besser: eine ganze Woche – plant, muss zur Veranstaltungssuche leider viele Homepages besuchen. Zwar existiert für die Sprechbühnen auf www. theatania.at ein praktikabler Internet-Spielplan (für jeden Tag). Für Opern und Konzertsäle bleibt nichts als die jeweilige, meist hinterwäldlerisch aufgebaute Homepage. Man kann sich’s leisten, sind doch fast alle großen Veranstalter Wiens mit guten Besucherzahler verwöhnt. „Wiener Festwochen“ (jeweils Mai bis Juni) müssen immer gesondert recherchiert werden. Extra suchen muss man auch versteckt schöne Orte wie etwa den Ehrbar-Saal in der Mühlgasse 30 (beim Naschmarkt), wo Angelika Kirchschlager und Christian Tetzlaff gern auftreten. Von Bühnen im Umland wie der Sommerarena in Baden oder den Festspielen Reichenau (Semmering) ganz zu schweigen.
Im Sommer verwandelt sich sogar der altehrwürdige Musikverein in eine veritable Touristenfalle; erkennbar an den im Amadeus- Outfit die Leute anquatschenden Ticket-Verkäufern auf offener Straße. Merke: Konzerte des Wiener Mozart-Orchesters sagen über Wien so viel aus wie eine Mozart-Kugel über Johann Strauß. Da alle Wiener pünktlich vom 1. Juli bis zum 31. August entweder „am Land“ weilen oder in Salzburg, ist dies – kulturell gesehen – die einzige nicht unbedingt empfehlenswerte Reisezeit. Außer zum Besuch von Heurigen (vorzugsweise in Grinzing oder Mauer).
Die optisch schönsten Säle – abgesehen vom Musikverein und vom Konzerthaus – sind das Theater in der Josefstadt (nebst Sträußl- Sälen) sowie das Volkstheater. Dass im Theater an der Wien sowohl Beethoven wie auch zahlreiche Operetten-Komponisten persönlich dirigiert haben, ist gleichfalls wahr. Käme man aber kaum drauf. Im Haus Spiegelgasse 9 wohnte tatsächlich Franz Schubert (bei seinem Freund Franz von Schober). Dass er im unten gelegenen „Göttweiger Stiftskeller“ eine Milzschnitten-Suppe oder ein „Krügerl“ zu sich genommen hat, ist zumindest vorstellbar. Noch sicherer ist, dass Johann Strauß im Café Dommayer in Wien-Hietzing selbst auftrat. Und ebenso, dass Fritz Kortner, als er nach dem Ende des II. Weltkrieges mit schlotternden Knien nach Wien zurückkehrte, im Café Schwarzenberg mit den leutseligen Worten begrüßt wurde: „Servus, Fritzl!“ Als sei nichts gewesen. Ist dies nicht wirklich so? Die Vergangenheit hält länger in Wien. Man kann oft wiederkommen, ohne dass sich dieser Effekt je verschleift.


www.musikverein.at
www.konzerthaus.at
www.theater-wien.at


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2014



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