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Dominique Meyer

Stream Team

Der Wiener Staatsopern-Direktor über die Opern-Zukunft, Live-Streaming, über Intrigen und Wiener Schlendrian.

RONDO Herr Direktor Meyer, Ihr Haus kann sich einer Traumauslastung schmeicheln, die gleich hinter der von Bayreuth rangiert. Wie schaffen Sie das?

Dominique Meyer: Unsere Auslastung liegt bei 99,6 %. Sie wurde verbessert, denn wir haben die Regeln des Kartenvorverkaufs gelockert. Früher mussten die Wiener immer eine Salzburger Cousine oder einen Linzer Onkel aktivieren, denn man durfte aus Wien keine schriftlichen Bestellungen einreichen. Das ist vorbei. Wir haben die Bestellmöglichkeit übers Internet eingeführt und auch den Vorverkauf an den Kassen von einem Monat auf zwei Monate erweitert. Wir spielen zahlreiche, kurze Serien, so dass auch Leute wiederkommen, die vor allem an der Besetzung interessiert sind.

RONDO: Wie groß ist der Anteil von Touristen?

Meyer: Unsere Balance besteht in 30% Zugereisten und 70% Inländern. Eine gute Mischung. Und ein Verhältnis, das für einen großen Rückhalt in der Bevölkerung spricht. Wir sorgen für 200.000 Übernachtungen jährlich und sind damit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Wien.

RONDO: Wer eine Reise plant, dem würde ich raten, nicht nur auf Neuproduktionen, sondern aufs Repertoire Ihres Hauses zu achten. Würden Sie widersprechen?

Meyer: Ich bin angetreten mit der Devise, gleich viel Wert auf Repertoire- Vorstellungen zu legen wie auf Premieren. Um das umzusetzen, haben wir vom Orchester mehr Proben erhalten. Wir verfügen über eine neue Probebühne, so dass auf der Hauptbühne mehr Zeit für die jeweilige Abendvorstellung verwendet werden kann. Es wird massiv koproduziert, sodass die Produktionskosten gesenkt werden. Aus den Einsparungen haben wir viel in die Renovierung bestehender Produktionen investiert. Zum Beispiel in die alte „Bohème“ und „Tosca“. Mehr als sechs Premieren pro Spielzeit können wir uns nicht leisten. Aber mehr gute Vorstellungen: immer!

RONDO: Orientieren Sie sich an der Metropolitan Opera?

Meyer: Nein, die Met ist nicht unbedingt ein Vorbild. Ihre Auslastung ist, so viel ich weiß, nicht gerade hoch. Und wir spielen doppelt so viel wie die Met! Eine Gemeinsamkeit besteht nur in den großen Namen. Heute Vormittag probt bei uns Johan Botha den Parsifal, Klaus Florian Vogt singt die erste Serie des neuen „Lohengrin“. Und heute Abend steht in „Ariadne“ Stephen Gould auf der Bühne. Drei der weltbesten Tenöre!

RONDO: Wenn Sie zwei Highlights der kommenden Saison herauspicken sollten, welche wären es?

Meyer: Die Premiere des „Schlauen Füchsleins“ von Janáček, das es noch nie zuvor am Haus gab. Es inszeniert Otto Schenk. Mein Vorsatz war, in jeder Spielzeit zwei Opern herauszubringen, die man hier noch nie gespielt hat. Man hatte noch nie „Anna Bolena“, „Aus einem Totenhaus“, noch keine „Mahagonny“, keine „Alcina“ und natürlich auch keine „Adriana Lecouvreur“. Seit vier Jahren halten wir uns erfolgreich an diese Devise. Mein zweites Highlight: der „Ring“! Der ist immer ein Höhepunkt. Wieder mit Nina Stemme. Mit ihr planen wir in Zukunft noch zwei Neuproduktionen mit Rollendebüt.

RONDO: Bei Regisseuren – mit Irina Brook, Pierre Audi und Uwe Eric Laufenberg – pflegen Sie einen mittleren Kurs der Publikumssicherheit. Warum?

Meyer: Das ist verkürzt dargestellt. Bei uns haben Christof Loy, Peter Konwitschny und soeben Andreas Homoki inszeniert. Mein Wunsch ist: eine internationale Ausstrahlung. Das ist nicht durch eine einzige Richtung zu erreichen. Meine Zielgruppe kann nicht nur das deutsche Feuilleton sein. Wir arbeiten hauptsächlich für unser Publikum.

RONDO: Wien ist eine musikalisch hochinteressierte, aber sehr selbstbezogene Stadt: Nur was hier passiert, ist wichtig. Richtig?

Meyer: Ich sehe das nicht so. Auch das Wiener Publikum reist mehr als früher. Und schickt mir dann Nachrichten aus Paris, London oder New York. Wahr ist, dass es bedeutende Sänger gibt, die hier nicht so bekannt sind, z.B. Joyce DiDonato und Vivica Genaux. Auch Renée Fleming ist in Wien relativ spät bekannt geworden.

„Ein Liebesduett ist ja kein Tennis-Match“

RONDO: Mit dem Live-Streaming haben andere große Opernhäuser seit etlichen Jahren gutes Geld verdient. Mit welchen Einnahmen rechnen Sie?

Meyer: Ich bin vorsichtig. Und habe ein anderes Konzept als London oder New York. Wir übertragen im Augenblick nur dann ins Kino, wenn wir einen Kooperationspartner wie etwa den ORF haben. Ich will unser Haus nicht in ein Fernsehstudio verwandeln. Ins Internet aber können wir ab nächster Spielzeit 45 verschiedene Opernund Ballettvorstellungen direkt übertragen. Dazu haben wir etliche Kameras auf der Bühne und im Zuschauerraum – nahezu unsichtbar – fest installiert. Kein Cent dafür kommt aus dem normalen Budget, sondern von Sponsoren. Opern- und Ballettfans weltweit können so mit 60 verschiedenen Titeln pro Spielzeit das größte Repertoireangebot dieser Art live miterleben. Am 7. Mai hatten wir gemeinsam mit unserem südkoreanischen Partner aus der Elektronikbranche die erste weltweite Liveübertragung im UHD-Format, und zwar „Nabucco“ mit Plácido Domingo in der Titelpartie.

RONDO: Sie wollen die Oper nicht ins Kino bringen?

Meyer: Wir wollen die Oper in die Wohnzimmer bringen. Der Rest mag später kommen. Die Pointe ist, dass wir zwei Bilder gleichzeitig übertragen: eine Totale und ein geschnittener Film mit Close-ups. Man wird in Zukunft selber über die Nahaufnahmen der Künstler bestimmen können.

RONDO: Die armen Sänger!?

Meyer: Keine Sorge, ich habe mich vorher mit unseren Maskenbildnern beraten. Wir wollen mehr Ruhe einkehren lassen in die Bildregie. Mich stört, wenn bei Opern-Übertragungen ein Liebes-Duett wie ein Tennis-Match abgefilmt wird. In Frankreich geht man davon aus, dass der Filmregisseur eine Sache kreiert. Ich bin nicht dieser Meinung. Wir müssen auch filmisch die Treue zu den Sängern und zur Regie wahren.

RONDO: Auf Ihrem Chefsessel sind viele Vorgänger gescheitert – von Herbert von Karajan bis Lorin Maazel. Ist die Wiener Staatsoper inzwischen ein ‚leichtes Haus’?

Meyer: In gewisser Weise, denn es ist ein sehr gut organisiertes Haus. Es befindet sich inmitten einer Stadt, wo Musik als etwas Wichtiges wahrgenommen wird. Wenn anderswo eine Minute Applaus gespendet wird, können Sie beim Wiener Publikum von zehn bis zwanzig Minuten ausgehen. Das Problem ist die komplizierte Budget- Lage. Die hängt mit der Tatsache zusammen, dass wir es mit einem relativ kleinen Land zu tun haben, in dem eine einzige Bank den Staat in eine tiefe Krise hineinreißen kann.

RONDO: Was hat sich seit Karajan und Böhm verändert?

Meyer: Die Intrigen, scheint mir, sind weniger geworden. Man wartet nicht mehr so sehr auf den Skandal.

RONDO: Werden Sie als Wiener Staatsopern- Direktor anders wahrgenommen als früher in Paris?

Meyer: Ja, und es schockiert mich immer noch. In Wien kann es einem passieren, dass zwei Damen in der Straßenbahn einander anstoßen und sich zuraunen: „Dös isser!“ Und mich ansprechen: „Ich hätt’ nie geglaubt, dass Sie die Straßenbahn nehmen.“ Als ob ich vom Schottentor bis zum Burgring ein Privatflugzeug brauchen würde. Beim Wurstkaufen werde ich als „Herr Direktor“ tituliert.

RONDO: Die Wiener Staatsoper war früher – nicht zuletzt vom Orchester her – berühmt auch für einen gewissen Wiener Schlendrian. Gibt’s den noch?

Meyer: Was es gibt, sind 145 Orchestermusiker, 110 Proben, rund 280 Opern- und Ballettvorstellungen in der Staatsoper und darüber hinaus 80 Konzerte der Wiener Philharmoniker. Es gibt veränderte Probenbedingungen. Wenn parallel ein Konzert der Wiener Philharmoniker und eine Opernvorstellung stattfinden, kriegen wir nicht die B-Besetzung. Seit meiner zweiten Saison bestreiten verschiedene philharmonische Ensembles jede Saison auch einen Kammermusikzyklus im Haus. Ich bin glücklich, dass man nicht mehr von einem möglichen Weggang der Wiener Philharmoniker redet. Und auch nicht mehr von den Substituten. Den Wiener Schlendrian, den Sie ansprechen, gibt’s nicht mehr. Halten Sie das wirklich für einen Verlust? Ich nicht.

www.wiener-staatsoper.at

Opernstreaming: www.staatsoperlive.com Mehr dazu auch in diesem Heft ab Seite 22.


Die Opern-Premieren an der Wiener Staatsoper 2014/15

Die Klassische: Mozart, Idomeneo
Christoph Eschenbach, Kaspar Holten; Schade, Bengtsson, Reiss (ab 5.10., Live-Streaming: 10.14.)

Die Monumentale: Mussorgski, Chowanschtschina
Semyon Bychkov, Lev Dodin; Furlanetto, Ventris, Lippert, Kulman (ab 15.11., Live-Streaming: 21.11.)

Die Populäre: Verdi, Rigoletto
Franz Welser-Möst, Pierre Audi; Beczała, Keenlyside, Nafornita (ab 20.12.)

Die Rabiate: Strauss, Elektra
Franz Welser-Möst, Uwe-Eric Laufenberg; Stemme, Larsson, Schwanewilms (ab 29.3., Live-Streaming: 11.4.)

Die Lustige: Donizetti, Don Pasquale
Jesús López-Cobos, Irina Brook; Pertusi, Flórez, Nafornita (ab 26.4., Live-Streaming: 8.5.)

Die Moderne: Adès, The Tempest
Thomas Adès, Robert Lepage; Eröd, Houtzeel, Luna (ab 14.6., Live-Streaming: 24.6.)


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2014



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