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Musik der Welt

Indische Fusionen

Beim Treffen zwischen Jazz und klassischer indischer Musik prallen zwei äußerst unterschiedliche Klangwelten aufeinander, doch Improvisation und Rhythmusgefühl schlagen die Brücke für eine gelungene Indo-Jazz-Fusion. Gänzlich ohne Jazzelemente – dafür mit dem wahren Herzschlag des Ostens – kommt eine neue Platte mit persisch-indischem Teamwork daher.

Wenige Verbindungen sind so faszinierend wie die zwischen klassischer indischer Musik und Jazz – und leider gelingen nur wenige. Viele Voraussetzungen verlocken: In beiden Klangwelten herrscht die Kunst der oft virtuosen und lange Zeit währenden Improvisation sowie das verfeinerte Bewusstsein für alles Rhythmische. Doch auf der anderen Seite der Waagschale lasten die Gewichte des »aber«: Im Westen die Jahrhunderte währende Prägung durch die Funktionsharmonik, die selbst dann hervortritt, wenn der Jazzer modal improvisiert, in Indien ein uraltes, hochkomplexes System von Ragas und Talas, von denen nur wenige mit unseren Tonleitern und Taktarten vergleichbar sind. Beschränkt man sich auf diese im Zusammenspiel mit Jazzern, ist schnell eine leichte, oberflächliche Verständigung möglich, wenn man auch noch einige andere Spielregeln über Bord wirft. Da wird viel eigene Substanz aufgegeben, wenn auch zugunsten eines neuen, durch Integration entstehenden Reichtums. Weit günstiger scheinen die Aussichten zu sein, wenn der Westler, wie bei den beiden vorgestellten Neuheiten, zunächst in die indische Lehre geht.
Es stimmt nachdenklich, dass die gelungensten Beispiele solcher Ost-West-Treffen – die Begegnungen von Ali Akbar Kahn und John Handy – schon über 30 Jahre alt sind. Der unlängst verstorbene Geiger John Mayer war in den Sechzigerjahren der Pionier der Indo-Jazz-Fusion. Fahndet man nach den gelungensten Beispielen mit Geigern, wird man immer wieder auf die Virtuosen Dr. L. Subramaniam und L. Shankar zurückgreifen, die ebenfalls in den Siebzigern und frühen Achtzigern in geradezu genialen Improvisationen den Gipfel des Möglichen erreichten (obgleich beide in ihrem Bemühen, es dem westlichen Gehör leicht zu machen, bisweilen nicht ganz geschmackssicher blieben). Man kann ihren Namen den eines weiteren Brückenbauers hinzufügen, den des ebenfalls in der südindischen Schule verwurzelten Geigers Neyveli S. Radhakrishna. Er glänzt als Mitglied des indisch-deutschen Ensembles Ahimsa, dessen Debütalbum »Seven Steps to Liberty« (Acoustic Music/Rough Trade 31980012) bereits 1999 entstand und jetzt erstmals außerhalb Indiens erhältlich ist. Das Ensemble entstand, als Radhakrishna auf den Gitarristen Matthias Müller traf, der nach Indien gekommen war, um die Veena zu erlernen, und mit dem Geiger eine Partnerschaft einging, die an die John McLaughlins mit L. Shankar erinnert. Die aus dem Bassgitarristen Armin Metz, dem Perkussionisten R. Yogaraja und dem auf der Tonvase Ghatam trommelnden A. S. Shankar bestehende Gruppe setzt zwar deren mit »Shakti« eingeschlagenen Weg fort, ahmt diese aber nicht nach. Das indische Grundgefühl dominiert das Geschehen, doch daneben hat Vieles hier Platz: eine Prise Flamenco-Jazz ebenso wie mehrere Esslöffel westlicher Harmonik, die mal mehr, mal überhaupt nicht in Erscheinung tritt. Ja, es kommt schon vor, dass ein schnelles Stück einen elegischen Einschub erhält, was der indischen Musik in ihrer Ausrichtung auf Steigerung eher fremd ist. Ahimsa –
das Titelstück ist Mahatma Gandhi gewidmet – bedeutet Gewaltlosigkeit und Ehrfurcht vor allem Lebendigen und deutet schon vom Titel her die spirituelle Ausrichtung und das friedliche Miteinander der Musiker an. Sie offenbart eine Grundhaltung der Offenheit und Liebe, die mehr noch als die offensichtliche Fingerfertigkeit der Musiker die Voraussetzung der bunten Bälle ist, die sie sich in schlafwandlerischer Sicherheit und Leichtigkeit spielfreudig zuwerfen.
Extrovertierter und näher am zeitgenössischen Jazz in seiner Besetzung, in seiner Klangästhetik, geht es bei »Circle of Taalis« (Quinton Q0701-2) zu, ein leidenschaftlich pulsierendes Album des jungen österreichischen Schlagzeugers Taalis. Er studierte zwei Jahre bei indischen Meistern, seinem Guru, dem Tablaspieler Pandit Suresh Talwalkar und dem im Jazz bestens bekannten Perkussionisten Trilok Gurtu. Das Erlernte übertrug er auf sein Schlagzeugspiel, eine Melange, die zwar primär von modernem Jazz, Fusion und Rock geprägt ist, doch durch viele (auch nichtindische) Facetten bereichert wurde. So stellt er in seiner Band das Bindeglied zwischen dem Sitar-Spieler Shakir Khan und den reinen Jazzmusikern dar, dem Pianisten Christian Gall sowie den Bassisten Martin Berauer und dem durch seine Zusammenarbeit mit McLaughlin bekannten Kai Eckhardt – eine Gruppe, die gelegentlich um den Saxofonisten George Brooks und den Tablaspieler Satyajit Talwalkar verstärkt wird.
Weltmusik ist die zwischen der Musik der Völker vermittelnde Tonsprache. Sie umfasst alles, was sie auf musikalischem Wege näher rückt und verbindet. Jazzmusiker haben sie einst in die Wege geleitet, doch die afroamerikanische Improvisationsmusik ist für große Teile der Weltmusik lediglich eine Leiter, die nicht mehr gebraucht wird. Das vielleicht berückendste, berührendste, begeisterndste Beispiel indischer Fusion der Gegenwart kommt ohne Jazzelemente aus. Es ist die Begegnung des indischen Ausnahme-Tabla-Meisters Pandit Anindo Chatterjee mit dem in Frankreich aufgewachsenen Perser Keyvan Chemirani, einem Meister der Handtrommel Zarb, der sich seit je um musikalische Dialoge der Kulturen verdient gemacht hat. Ihr Album »Battements au coeur de l’Orient« (Accords croisés/harmonia mundi AC 121) wurde auch in beeindruckender Klangqualität realisiert, bei der jeder in wirbelwindiger Geschwindigkeit und mathematischer Präzision erklingende Schlag in plastischer Klarheit hervortritt. Ihre Zwiesprache steht im Vordergrund, doch es ist kein Trommelwettkampf, sondern ein an Stimmungen und Klangfarben reiches Gespinst aus Melodien, unter denen der Herzschlag des Ostens zu hören ist: Maryam Chemirani (Gesang), Ken Zuckerman (Sarod), Sokratis Sinopoulos (Fiedel Kementché), Bijan Chemirani (Laute Saz), Stelios Petrakis (Lyra) und Henri Tournier (Bambusflöte Bansouri) – eine sehr bunte Mischung an Begleitern unterlegen den Dialogen einen filigranen melodischen Teppich, der von Griechenland bis Indien reicht, doch einheitlich gewirkt ist. Persisches und Indisches scheint von unseren Breiten aus nicht weit auseinander zu liegen, ja dank persischen Einflusses unterscheidet sich nordindische Musik erst wirklich von südindischer. Ein Dialog der Kulturen liegt wegen gemeinsamer Wurzeln nahe, und ein musikalisches Gespräch zwischen den beiden klanglich unterschiedlichen Trommeln ist reizvoll. Und doch: Noch vor einer Generation wäre ein Album wie dieses persisch-indische Teamwork, an dem auch noch so viele kompetente Nichtasiaten mitwirken, so verwunderlich gewesen wie die Kreuzung aus Fuchs und Luchs, zweier Tiere, die sich ja nur aus der Entfernung ähneln. Es sei wie das Treffen von zwei Verwandten, die sich vor langer Zeit verloren hätten, meinte einer der Musiker. Das Album ist ein einmaliger Dialog zweier herausragender Perkussionisten, die dank ihrer Offenheit die Palette ihrer Instrumente erweitert und die solistische Emanzipation der traditionell vorwiegend auf Begleitfunktion festgelegten Trommeln vorangetrieben haben. »When I touch the tabla, I tap into the rhythm of the universe«, meint Chatterjee. Dass es nicht nur große Worte sind, glaubt gerne, wer staunend lauscht.

Marcus A. Woelfle, RONDO Ausgabe 5 / 2008



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