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RONDO-Gespräche zum Musiksponsoring: Roche

Mit »Risiko« und »Nebenwirkungen«

Basel ist eine Welthauptstadt der Pharmazie. Wesentlich beigetragen zu diesem Ruf hat eines der größten Gesundheitsunternehmen der Welt: die Roche, die heute eine führende Rolle einnimmt in der Bekämpfung von Krebserkrankungen und in der Transplantationsmedizin. Valium von Roche war in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts für viele Jahre das meistverkaufte Medikament der Welt. Dem Unternehmen geht seit seiner Gründung der Ruf voraus, eines der innovativsten seiner Branche zu sein. Entsprechend gestaltet es seine Aktivitäten im Kulturbetrieb. RONDO-Herausgeber Günter Bereiter besuchte in Basel Katja Prowald, die Verantwortliche der kulturellen Aktivitäten des Konzerns, und stellte fest: Ob in Architektur, Kunst oder Musik – es darf immer nur vom Neuesten sein.

RONDO: Roche schickt sich gerade an, auf dem Firmengelände das höchste Gebäude der Schweiz in Form einer Doppelhelix zu bauen, ein imponierender Entwurf der Architekten Herzog & de Meuron, die auch aus Basel stammen.

Katja Prowald: Roche legt, seit es vor über 100 Jahren gegründet wurde, Wert auf Innovation, ob das in unserem Kerngeschäft, in der Architektur der Firmengebäude oder in der Förderung von zeitgenössischer Kunst und Musik ist. Das Gebäude, in dem wir sitzen, wurde zum Beispiel Anfang der 30er Jahre von dem damals sehr bekannten Architekten Otto Rudolf Salvisberg entworfen, und das setzt sich fort bis zur Gegenwart.

RONDO: Meist entdecken große Firmen den Wert kulturellen Engagements erst eine gewisse Zeit nach ihrer Gründung.

Prowald: Bei Roche war die Verknüpfung zwischen Geschäft und Kultur von Beginn an sehr eng. Der Gründer, Fritz Hoffmann, war bereits sehr kulturinteressiert. Sein Sohn heiratete eine bekannte Bildhauerin, Maja Hoffmann, die sich nach dem frühen Tod ihres Mannes mit dem bedeutenden Schweizer Dirigenten Paul Sacher verband. Paul Sacher war über 40 Jahre Verwaltungsrat des Unternehmens und verfügte so über die notwendigen Mittel, um als echter Mäzen zeitgenössische Komponisten wie Béla Bartók, Igor Strawinsky oder Anton Webern zu fördern.

RONDO: An diese Zeit schließt das heutige Förderkonzept »Roche Commissions« fast nahtlos an.

Prowald: Ja, Roche vergibt seit einigen Jahren unter diesem Titel regelmäßig Kompositionsaufträge an herausragende zeitgenössische Komponisten. In diesem Jahr hatte das so entstandene »Duet« für Klavier und Orchester des britischen Komponisten George Benjamin auf dem Lucerne Festival seine Uraufführung, gespielt von Pierre-Laurent Aimard und Franz Welser-Mösts Cleveland Orchestra, die das Werk in der kommenden Wintersaison auch in der Carnegie Hall in New York präsentieren werden.

RONDO: Warum haben Sie das Cleveland Orchestra für die Uraufführungen der Roche Commissions gewählt?

Prowald: Das war naheliegend, denn Cleveland ist dafür bekannt, dass es ein sehr breit angelegtes Repertoire spielt und auch vor zeitgenössischen Werken nicht »zurückschreckt«.

RONDO: Frühere Aufträge gingen an den Engländer Harrison Birtwistle, die Chinesin Chen Yi und den Schweizer Hanspeter Kyburz. Wie suchen Sie die Komponisten für die Roche Commissions aus?

Prowald: Diese Aufgabe übernehmen die musikalischen Leiter von Lucerne Festival und Cleveland Orchestra in Absprache mit Roche. Wir wünschen uns lediglich, dass die Betreffenden aus verschiedenen Kontinenten kommen.

RONDO: Die Art der Musik, die die Genannten machen, ist nicht unbedingt jedermanns Sache.

Prowald: Es ist meist keine harmonische Musik und sie ist in der Tat schwer anzuhören, denn die zeitgenössischen Komponisten suchen natürlich nach einer neuen Art zu komponieren.

RONDO: Dieser experimentelle Charakter ist aber auch ausdrücklich erwünscht?

Prowald: Ja, es soll eine Auseinandersetzung mit dem Neuen und Ungewohnten sein. Dazu kommt die Art der verwendeten Instrumente. Wir haben den neuesten Auftrag gerade an den Japaner Toshio Hosokawa vergeben, der alte japanische Instrumente zum Einsatz bringt wie die Sho − , eine Art Bambusflöte, die Musik in einer Tonhöhe produziert, die wir nicht gewohnt sind zu hören.

RONDO: Wie lang sind diese Kompositionen?

Prowald: Das Stück von George Benjamin war ungefähr 17 Minuten lang. Das Lucerne Festival bettet ein solch herausforderndes Werk in ein größeres klassisches Programm mit Schubert und Dvořák ein, das die Zuhörer dann auch wieder »versöhnt«.

RONDO: Ihre neue Zusammenarbeit mit Salzburg steht ebenfalls unter den Vorzeichen »zeitgenössisch« und »experimentell«.

Prowald: An einer Zusammenarbeit im gewohnt klassischen Bereich mit Salzburg wären wir nicht interessiert gewesen. Die neue Reihe »Kontinente« stellt jedes Jahr einen zeitgenössischen Komponisten vor, die Aufführungen finden in Fischer von Erlachs barocker Kollegienkirche statt. Wir laden dazu Studenten der Naturwissenschaften und Musikhochschüler aus der ganzen Welt ein. Die Studenten setzen sich während einer Woche in Workshops, zum Teil in Anwesenheit der Künstler, mit den aufgeführten Werken und dem Thema Kreativität auseinander.

RONDO: Letztes Jahr hatte Salzburg den »Kontinent Scelsi«, in diesem Jahr seinen Landsmann Salvatore Sciarrino im Programm.

Prowald: Großartig war eine Aufführung, in der die Instrumente überall im Kirchenschiff verteilt und so der ganze Raum zum Klangkörper wurde. Dazu wurde Gidon Kremer mit seiner Interpretation dieses Stückes vom Band eingespielt. Das Ganze ergab ein wunderbares Zusammenspiel.

RONDO: Privat hören Sie sicher auch gern mal etwas Harmonisches. Was hat Ihnen in letzter Zeit besonders gut gefallen?

Prowald: Gerne höre ich Sonntags morgens klassische Musik und bin begeistert von der erst kürzlich aufgeführten »Carmina Burana« von Carl Orff im römischen Freilichttheater von Augusta Raurica bei Basel.

Günter Bereiter, RONDO Ausgabe 5 / 2008



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