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Musikstadt

Bonn: Wir sind Beethoven

In Bonn ist alles Beethoven: das städtische Orchester, das herbstliche Beethovenfest – und das Geburtshaus des grüblerischen Meisters sowieso. Alles Beethoven oder was?! Nicht ganz, meint Bernward Althoff, der von einer überaus lebendigen Musikstadt berichtet, die die geschrumpften Zuschüsse für die ehemalige Bundeshauptstadt mittlerweile recht gut in den Griff bekommen hat.

wieder Beethoven!« Das Bonmot der emsigen Bonner Kulturlobbyistin und -»macherin« Karin Hempel-Soos macht schon seit Jahren die Runde in der Bundesstadt. In der Tat hat sich die Geburtsstadt des berühmten Komponisten nach dem Wegzug der großen Politik an die Spree ihres Sohnes verstärkt angenommen und ihn zum Markenzeichen gemacht. Kürzlich wurde das neue Stadtlogo »Joy« (»Freude«) aus Schillers »Ode an die Freude« aus Beethovens Neunter Sinfonie vorgestellt, das künftig auch die städtischen Briefköpfe zieren wird (freilich nicht Mahn- und Strafbescheide!). Mag man das noch als hübsche PR-Petitesse durchgehen lassen, so bleibt doch festzustellen, dass musikalisch gesehen ein Ruck durch die Stadt Bonn geht, die mit ihren 320.000 Einwohnern im Mittelfeld deutscher Großstädte angesiedelt ist und die sich nach dem Verlust der Hauptstadtwürde und dem Abzug üppiger Bundessubventionen für die Kultur neu ausrichten musste. Denn bis zum Jahr 2000 stellte der Bund Bonn noch umgerechnet 30 Millionen Euro an jährlichen Zuschüssen für die Kultur zur Verfügung – doch in dieser Fülle ist damit schon lange Schluss. Schon allein aus diesem Grund muss die Strahlkraft des Namens Beethoven noch besser genutzt werden.
Bestes Beispiel ist das Internationale Beethovenfest, das sich aus seiner Schockstarre Mitte der Neunzigerjahre, als es mangels Kasse abgesagt werden musste, glücklich befreit hat. 1999 wurde es in eine Festival-GmbH überführt und findet seitdem mit wachsendem Erfolg jährlich statt. Die Qualität hat stetig zugenommen, in diesen Tagen reichen sich Kurt Masur, Riccardo Chailly und Lorin Maazel die Hand auf dem Pult der Beethovenhalle, Masurs zyklische Aufführung sämtlicher Beethovensinfonien mit dem Orchestre National de France lockte im September während des Beethovenfestes an vier Abenden rund 8.000 begeisterte Besucher an. Erklärtes Ziel von Intendantin Ilona Schmiel ist die Ansiedlung des Beethovenfestes in der europäischen Festivalspitze – vergleichbar mit Salzburg oder Bayreuth. Bis dahin ist es freilich noch eine Wegstrecke, was auch mit dem noch ungeklärten Bau eines neuen Festspielhauses zusammenhängt, das die betagte und ramponierte Beethovenhalle ersetzen soll.
Doch davon später. Richten wir den Blick zunächst auf den größten »Beethoventräger« der Stadt, das städtische Orchester, das seit 2003 den zugkräftigen Namen »Beethoven Orchester Bonn« trägt (BOB). Das Beethoven Orchester hat in den letzten 30 Jahren (unverschuldet) ein schwieriges finanzielles Auf und Ab bewältigen müssen. Seit es der Bundesregierung in den Siebzigerjahren dämmerte, dass man dem provinziellen »Bundesdorf« kulturell auf die Sprünge helfen müsse, wurde das Orchester sukzessive auf 122 Mitglieder vergrößert, was auch mit dem parallel erfolgten Ausbau der Oper und damit wachsenden Orchesterdiensten zusammenhing. Die finanzielle Rosskur ab 2001 ging indes auch am BOB nicht vorbei, immerhin konnte der Status als A-1-Orchester mit nunmehr 101 Mitgliedern gehalten werden und mit der CD-Einspielung sämtlicher Schostakowitschsinfonien hat das BOB einen weithin beachteten Coup gelandet. Nachdem die letzten Generalmusikdirektoren Dennis Russell Davies (USA), Marc Soustrot (Frankreich) und Roman Kofman (Ukraine) musikalisch ihre jeweiligen Heimatländer auf den Schild hoben, will der neue Chef Stefan Blunier die in Bonn vernachlässigten deutschen Spätromantiker stärker berücksichtigen, was auch für das Programm der städtischen Oper gilt, wo Blunier ein größeres Mitspracherecht bei der Programmgestaltung eingeräumt wurde. Einen neuen Schwerpunkt setzt das Beethoven Orchester auch in der Kinder- und Jugendförderung. Dazu verpflichtete die Stadt erstmals einen fest bestallten Konzertpädagogen, der ein spezielles Kinder- und Jugendprogramm entwickelt hat.

50 Jahre reichten aus, um aus der Bonner Beethovenhalle am Rhein einen hoffnungslosen Sanierungsfall zu machen

Die städtische Oper musste finanziell die größte Rosskur bewältigen: In der Ära von Jean-Claude Riber und seinem schillernden Nachfolger Giancarlo del Monaco mitunter als »Scala am Rhein« bejubelt, folgte schon ab 1997 ein steter Rückbau. Die Oper wurde wieder wie zuvor in ein Dreispartenhaus eingegliedert, was aber auch schon wieder Geschichte ist. Mit dem Abschied vom Ballett verfügt die Stadt mit seinem »Theater Bonn« nur noch über ein Zweispartenhaus – willkommen in der Realität! Unter der Leitung von Generalintendant Klaus Weise macht die Oper zwar weniger Schlagzeilen als noch vor 20 Jahren, kann aber mit großen Projekten wie den gefeierten Aufführungen von Händeloratorien unter der Regie von Dietrich Hilsdorf mitunter kräftig punkten.
Das musikalische Angebot, das nicht unter städtischer Regie läuft, kann sich durchaus sehen lassen für eine mittelgroße Stadt wie Bonn. Vorneweg die Klassische Philharmonie Bonn unter Leitung von Heribert Beissel, die 1986 aus dem Chur Cölnischen Orchester, einem erweiterten Kammerorchester, hervorgegangen ist. Beissel hat mit dem konsequenten Verharren beim Repertoire der Wiener Klassik plus Romantik sich eine treue Anhängerschaft verschafft. Die Konzerte der Klassischen Philharmonie in der Beethovenhalle sind sehr gut besucht, die Open-Air-Konzerte im barocken Ambiente des Poppelsdorfer Schlosses im Sommer genießen Klassikerstatus. Erfreulich ist auch das private Engagement für den zweiten großen Komponisten, mit dem die Stadt sich nun verstärkt schmückt: Robert Schumann. Rund um sein Sterbehaus im Stadtteil Endenich wurde in den letzten Jahren mit schmalen Mitteln ein veritables Musik- und Literaturfestival aufgebaut (»Endenicher Herbst«), das immer mehr Musikfans aus der Region anlockt.
Das Beethoven-Haus in der Bonngasse, wo der Komponist am 16. oder 17. Dezember 1770 das Licht der Welt erblickte, ist eine Pilgerstätte für Beethovenfans aus aller Welt. Kein Witz: Mehr Japaner und Chinesen finden den Weg in die Bonngasse als Bonner! Wichtiger ist jedoch die musikalische Pflege des Werks. Die kritische Beethoven-Gesamtausgabe wird hier konsequent fortgesetzt, wertvolle Autografen konnten erworben werden. Der Kammermusiksaal des Beethoven-Hauses, der von den ganz großen Streichensembles gerne als Konzertstätte genutzt wird, ist architektonisch und akustisch ein Juwel, freilich mit 199 Plätzen ein wenig zu intim.
Und damit wären wir auch bei der dringenden Notwendigkeit neuer Konzertstätten angelangt, da die bald 50-jährige Beethovenhalle ein hoffnungsloser Sanierungsfall geworden ist und der starken Konkurrenz in Nordrhein-Westfalen (Kölner Philharmonie, Düsseldorfer Tonhalle, Essener Philharmonie, Konzerthaus Dortmund) längst nicht mehr Paroli bieten kann. Bis 2012 soll am Standort der Beethovenhalle mit Ausrichtung zum Rheinufer ein Beethoven-Festspielhaus von »Weltniveau« mit 1.400 Plätzen samt einer variabel nutzbaren »kleinen Philharmonie« entstehen. Dazu haben die drei Bonner Unternehmen Deutsche Telekom, Postbank und Deutsche Post bis jetzt 75 Millionen Euro zugesagt, der Bund will rund 39 Millionen Euro für die Errichtung einer Stiftung zur Verfügung stellen und auch das Land NRW und der benachbarte Rhein-Sieg-Kreis öffnen ihre Schatullen. Die Zeit drängt, doch wie das in Bonn so üblich ist, melden sich jetzt die Bedenkenträger, denen das alles zu prächtig ist, und die die »kleine Kultur« in Bonn mittelfristig den Rhein runtergehen sehen. Die finanziell klamme Stadt darf nicht hoffen, »plus minus null« aus dem Projekt herauszukommen – dass alles teurer werden wird, ist schon jetzt klar. Aber das Projekt Festspielhaus ist es allemal wert, verwirklicht zu werden, damit das Bonmot »Zuerst kommt Beethoven …« auch im 21. Jahrhundert Bestand haben kann.

Rondo Autor, RONDO Ausgabe 5 / 2008



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