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Klassik-Phänomene

Erlaubt ist, was gefällt

Ein blinder Sänger avanciert zum »Superstar«, die Platten eines ehemaligen Handyverkäufers werden über Nacht zum Megaseller und die Gesänge strenggläubiger Mönche stürmen die Charts. Offensichtlich kommt Klassik, die sich als Pop ausgibt, beim Publikum besser an. Robert Fraunholzer hat den Sehnsüchten des Publikums, aber auch zweifelhaften neuen Qualitätsmaßstäben nachgespürt.

Fünf weiß gekleidete Mönche wandeln im Sonnenuntergang übers Wasser. Am Horizont zeichnet sich dunstig die Silhouette ihres Klosters ab. So präsentiert sich eines der größten popkulturellen Wunder der letzten Jahre: das Cover der CD »Chant«, besungen von den Brüdern des Stift Heiligenkreuz bei Wien. »Ketzerisch ist das gar nicht«, mein Pater Karl, und er muss es wissen. Der Pressebeauftragte der frohlockenden Mönche ist im Nebenberuf Professor für Dogmatik. Ein Casting der »Universal« förderte die sakrale Boygroup ans Licht, die die Tradition gregorianischer Gesänge wieder aufleben lässt. Das Stift Heiligenkreuz übrigens erfreut sich so vieler Neueintritte wie sonst nirgendwo – und zeigt damit symbolisch, wie man den Übertritt zur Klassik bewirken kann: durch poppiges Auftreten und unorthodoxen Drang. »Wir fühlen uns fit fürs 21. Jahrhundert«, sagt Pater Karl. Ihr größter Fan ist Papst Benedikt XVI. »Music for Paradise« zeigt ein Erfolgsmodell, auf das man so entspannt reagieren sollte wie die Mönche selbst. »Wir sind schon 900 Jahre hier«, sagt Pater Karl. Und das trifft – ungefähr – auch auf die Klassik zu.
Grundsätzlich gilt: Was gefällt, darf auch bestehen. Man darf diese Regel, mit der man Phänomene wie Andrea Bocelli oder Paul Potts betrachten kann, gewiss nicht übertreiben. Die Tatsache aber, dass hervorragenden Klassikkünstlern heute immer häufiger der Rang von Konkurrenten abgelaufen wird, die ihnen künstlerisch nicht das Wasser reichen können, spricht zugunsten dieser letzteren. Softklassiker bedienen ein Publikumsbedürfnis, das von normalen Klassikprofis offenbar übersehen oder gar als minderwertig abgetan wurde. Als Paul Potts in der englischen Castingshow »Britain’s Got Talent« erstmals den Mund aufmachte und den Juroren »Opera« ankündigte, war die Unlust allgemein. Oper gilt in Popkreisen als ähnlich uncool wie Hämorrhoidensalbe. Beim »Nessun dorma« des Mobiltelefon-Dealers indes wurden dem Publikum doch die Knie weich. Weil der Mann mit den schiefen Zähnen wie um sein Leben sang, rückte Puccini plötzlich näher an die Emotionen heran, als dies dort üblich ist. Und das Merkwürdigste: Die Begeisterung war größer, als man sie mit einer »Turandot«-Schallplattenaufnahme erzielt, auf der der große Jussi Björling singt. CD-Verkäufer wissen, dass den Erfolg eines neuen, klassischen Produkts heute nicht mehr die künstlerische Leistung allein bestimmt – sondern die Geschichte dahinter. Die »story behind « hört man mit. Darum hat Paul Potts gegenüber Jussi Björling oder Luciano Pavarotti einen Trumpf mehr auf der Hand.
Ist das nicht alles nur Geldschneiderei? Der Erfolg von Potts in Deutschland wurde erst besiegelt, nachdem das Video zum Gegenstand eines Telekom- Fernsehspots gemacht worden war. Ein einzigartiger Vorgang. Der Fall zeigt, dass die Erben der »3 Tenöre« wohl eher unter den Pralinensängern und kommerziellen Knödelbarden zu finden sind. Dumm nur, dass damit auch alle Qualitätsmaßstäbe ins Rutschen zu geraten scheinen. Wer etwa Andrea Bocelli auf seiner neuen CD »Incanto« das Heintje-Lied »Mama« tremolieren hört, denkt unwillkürlich, dass Bocelli da angekommen ist, wo er hingehört: in der Tiefebene der Unterhaltungsbranche. Bocellis Spitzentöne scheppern. Die Stimme wirkt hysterisch, wo immer Elan oder Emotionalität gefragt sind. Und dennoch scheinen genau diese Mängel seinen Erfolg nicht im Mindesten zu schmälern. Gewiss zeigt der Erfolg von Popklassikern – der den Betreffenden zu gönnen ist! – vor allem ein Versäumnis der Klassik an. Und vielleicht auch eines der Kritik, die nicht mutiger bekannt, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt hat. Pavarotti, Domingo und vor allem José Carreras waren es, die mit Schmalz und Schmettern da weitermachten, wo Mario Lanza aufgehört hatte. Neu ist das alles nicht. Nur die Kluft zwischen »U« und »E« scheint größer denn je.

Auf CD erschienen:

Die Brüder des Stifts Heiligenkreuz: Chant

Decca/Universal

Paul Potts: One Chance

Syco Music/Sony

Andrea Bocelli: Incanto

Decca/Universal


Paul Potts: Emotionen sind alles

Paul Potts, der Handyverkäufer und studierte Philosoph aus Bristol, schoss sich mit seiner Aufnahme von Puccinis »Nessun dorma« an die Spitze der Charts. Nach seinem Sieg bei einer britischen Castingshow und als Werbeträger der Telekom repräsentiert er ein eher unerwartetes Erfolgsmodell. Doch so tumb und ungeschickt, wie er im Fernsehen rüberkommt, ist er nicht. Robert Fraunholzer sprach mit ihm über die Sorge des Erfolgs, Playback und Andrea Bocelli.

RONDO: Herr Potts, betrachten Sie sich eher als Klassiksänger oder als einen Popsänger der Klassik?

Paul Potts: Einfach als Sänger! Ich habe Philosophie studiert, da halte ich wenig von solchen Unterteilungen. Es geht um Musik. Musik ist eben Musik. Besonders in Deutschland ist aber etwas für mich Unerwartetes passiert: Ich bin aus beiden Blickrichtungen, sowohl von der Klassik wie vom Pop, wahrgenommen worden. Inzwischen ist es mein Ziel, die Klassik für mehr Leute zu öffnen und zugänglich zu machen. Um klassische Musik zu mögen, muss man keine höhere Erziehung genossen haben. Klassische Musik berührt jedermanns menschliche Emotionen.

RONDO: Macht Ihr Erfolg Sie glücklich – oder macht er Ihnen auch Angst?

Potts: Ich liebe, was ich tue, und bin dankbar, dass ich es tun darf. Um Angst zu haben, habe ich derzeit einfach zu wenig Zeit. Sie haben aber insofern recht, als es für mich tatsächlich eine gewisse Unruhe gibt, und zwar eine sehr konkrete: Die Angst, dass mein Erfolg wieder verschwinden könnte. Damit muss ich rechnen. Ich versuche zu leben, als ob jeder Tag mein letzter wäre.

RONDO: Hat der Erfolg Ihren Lebensstil verändert?

Potts: Überhaupt nicht. Ich bin komplett derselbe geblieben. Meine Frau und ich leben im selben Haus wie vor sieben Jahren. Wir fühlen uns dort sehr wohl. In den letzten 15 Monaten war ich allerdings keine 20 Tage zuhause. Mein Leben rast dahin, und ich habe eigentlich kaum Gelegenheit, irgendwelche Pläne zu machen.

RONDO: Was glauben Sie, wie lang sich der Erfolg halten kann?

Potts: Das ist tatsächlich der Punkt, um den ich mich sorge. Die Antwort hängt überhaupt nicht von mir, sondern nur davon ab, ob man noch mag, was ich tue. Alles ändert sich sehr schnell. Ich betrachte mein Leben tatsächlich wie einen Rennlauf auf der Straße. Ich muss jede Tür öffnen, weil sich dahinter etwas verbergen könnte. Und ich denke nur bis zur nächsten Tür.

RONDO: Nicht allgemein bekannt ist, dass Sie durchaus über Bühnenerfahrung verfügen. Hätten Sie Ihren Castingwettbewerb ohne dies gewinnen können?

Potts: Ich hatte drei Jahre lang nicht gesungen. Daraus ergab sich in meinen Augen eher ein Nachteil. Ich wusste, was ich darstellen wollte. Aber ich war durch die Standards, die ich mir selbst setzte, eher noch unsicherer als sonst. Ich war über die Reaktionen auch total überrascht. Denn ich war so furchtbar nervös während meines Auftritts, dass ich überhaupt gar nichts mehr wusste. Nein, meine Erfahrungen haben mir in diesem Augenblick nichts genützt.

RONDO: Singen Sie bei Fernsehshows playback?

Potts: Niemals. In meinen Augen wäre das unehrlich. Übrigens wäre es technisch gesehen auch unnötig. Denn, wissen Sie, anders als andere Sänger bewege ich mich auf der Bühne ja kaum (lacht).

RONDO: Was halten Sie von Ihrem Kollegen Andrea Bocelli?

Potts: Er macht das, was er tut, mit sehr viel Hingabe und Herz. Ich glaube, dafür ist er ein Erfolgsbeispiel. Denn ich denke, Emotionen sind alles in diesem Beruf. Viel wichtiger als die Stimme. Genau deshalb ist er für mich auch ein Vorbild. Er arbeitet extrem hart. Und der Erfolg, den er dafür bekommt, ist ein gerechter Lohn.

RONDO: Bocellis großes Ziel – und in gewisser Weise sein Problem – war immer, dass er Opern-Gesamtaufnahmen machen wollte. Und Sie?

Potts: Nein, das interessiert mich gar nicht so sehr. Mir geht es um etwas anderes, und das ist nur eines: weiterzumachen.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2008



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