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Musikstadt

Los Angeles

Musikstadt oder Musikmoloch - wer mag das ermessen? Fast 18 Millionen Menschen auf über 90.000 Quadratkilometern verzeichnet Greater Los Angeles. Und für die bespielen offiziell ein weltberühmtes Sinfonieorchester und eine Oper, die immerhin von einem weltberühmten Tenor – natürlich Plácido Domingo – geleitet wird. Und ein einziger, wirklich wichtiger Musikkritiker schreibt seit Jahrzehnten darüber in der einzig bedeutenden, mit schweren finanziellen Problemen kämpfenden Zeitung, der LA Times: Provinz in der Flächenstadt. Matthias Siehler war für RONDO vor Ort.

Provinz in der Flächenstadt – das heißt nichts wirklich. In Los Angeles wurde der Beach Boys Sound in den Sechzigern zur Surfertraummusik der Welt, in der Nähe flüchtete sich Michael Jackson, der Popboy, der nie erwachsen werden wollte, in seine, den Peter-Pan-Filmen nachempfundene Ranch Neverland. Hier torkelt Britney Spears besoffen über die Straße, lässt sich Barbara Streisand in Malibu bräunen, mordete der den Drogen verfallene Superproduzent Phil Spector und wurden an der legendären, heute ziemlich herunter geschmuddelten Straßenecke Hollywood and Vine, im runden Capitol Tower, einige der berühmtesten Hits von Nat King Cole und Frank Sinatra aufgenommen. In Los Angeles komponierten Kurt Weill, Irving Berlin und Cole Porter, hier war Otto Klemperer Chef des Los Angeles Philharmonic und spielten Arnold Schönberg und George Gershwin miteinander Tennis. In den Filmstudios arbeiteten Hanns Eisler und Erich Wolfgang Korngold, heute komponieren hier Hans Zimmer und Danny Elfman die beherrschenden Kinosounds unserer Zeit.
Doch eine Musikstadt im europäischen Sinne ist Los Angeles sicher nicht. Es gibt hier große, kulturell genutzte Mehrzweckhallen, etwa in Thousand Oaks, Anaheim oder im Orange County in Costa Mesa, wo sogar das Mariinsky Ballett auftritt. Es findet sich das kleine, feine Sommer-Open-Air-Festival im nahen Badeort Ojai, wo jedes Jahr ein anderer zeitgenössischer Künstler die Konzerte kuratiert und wo man für sich in Anspruch nimmt, das Donaueschingen Amerikas zu sein. Es gibt eine rege zeitgenössische Klangszene an den diversen, zum Teil fantastisch ausgestatteten Universitäten, die schönen Museen in Downtown, am Wilshire Boulevard, in Pasadena und San Marino sowie natürlich das Getty Center über den Hügeln des Pazifischen Ozeans, die alle regelmäßig Kammerkonzerte in herrlich kultiviertem Rahmen anbieten. Nirgendwo sonst gibt es wahrscheinlich so viele Studiomusiker, im klassischen wie im Popbereich, doch feste Orchester unterhalten die großen Studios schon lange nicht mehr.
Die Sphären mischen sich kaum. Die Filmleute, obwohl vielfach in Musik involviert, tauchen in der 2003 eröffneten Disney Hall, Frank Gehrys aluminiumverkleidetem Meisterwerk und einem Wahrzeichen von Anfang an, höchstens auf, wenn es dort eine Kinoweltpremiere gibt. Die werden ganz bewusst ausgerichtet, damit die Leute in die abends sonst leere Downtown gelockt werden, die jetzt kulturellen Aktivitäten vorbehalten ist. Früher war das anders, als noch Stars wie Billy Wilder und Gregory Peck zu den Abonnenten des damals im nahen Dorothy Chandler Pavilion beheimateten Orchesters zählten. Doch seit die europäischen Emigranten fast alle gestorben sind, wurden die Beziehungen nach Hollywood und Culver City immer lockerer.
Eine der letzten Verbindungen zu damals ist noch Barbara Zeisl-Schönberg. Die reizende Tochter des Komponisten Eric Zeisl und Frau von Schönberg- Sohn Ronald zeigt europäischen Musikschaffenden, die zu Gast sind, gern das noch original eingerichtete Schönberg-Arbeitszimmer im Haus in Brentwood und backt eine wunderbare Sachertorte. Auch in der großartigen Spanish-Revival-Villa Aurora in Pacific Palisades, einst das Zentrum der deutschen Emigranten um Lion Feuchtwanger am Ende des Sunset Boulevards, kann man sich zu den Klängen der restaurierten Orgel in der Wohnhalle in die Zeiten zurückträumen, als hier die Feuchtwangers Abendgesellschaften gaben, als bei Salka Viertel Bertolt Brecht, Charlie Chaplin, Greta Garbo und Thomas Mann ein- und ausgingen.
Früher gab es auch eine starke Verbindung zwischen dem 1919 gegründeten Los Angeles Philharmonic und Hollywood in Gestalt seines Chefdirigenten André Previn. Den hatte man wohl auch deshalb engagiert, weil er nicht nur ein berühmter Jazzer ist, sondern in den Studios groß wurde, wo seine Eltern als Musiker arbeiteten. Später hat er dann nicht nur das berühmte MGM-Orchester in einigen der schönsten Filmmusicals wie »Gigi«, »My Fair Lady« oder »Kiss Me, Kate« dirigiert, er schrieb selbst Musiken etwa für Wilders Berlin-Satire »Eins, zwei, drei«. Doch Previns 1985 beginnende Ära war schon vier Jahre später wieder vorbei, die Chemie stimmte einfach nicht. Viel besser klappte es mit dem immer europäisch gebliebenen Italiener Carlo Maria Giulini, der von 1978-84 feines Flair nach Tinseltown brachte oder mit dessen langjährigem Vorgänger ab 1962, dem glamourösen Inder Zubin Mehta, der hier seine zweite Frau, das Filmstarlet Nancy Kovack fand, die nach wie vor als superblonde, sexy Hohe- priesterin Medea im Sandalenfilm »Jason und die Argonauten« zu bestaunen ist. Und selbst der spröde Finne Esa-Pekka Salonen fand ab 1992 mit Strawinsky und Lutosławski, Bartók und Schostakowitsch in Los Angeles beim philharmonischen Orchester eine musikalische Heimstatt, die den Klangkörper wieder zu schönster Blüte führte. Auch hat er – mit wechselndem Erfolg – Filmkomponisten bemüht, für eigens gedrehte Kurzfilme Originalpartituren zu schreiben.
Das LA Phil, das ist freilich nicht nur Qualität und Dynamik, Finesse und Neugier, das steht auch für eines der reichsten Orchester Amerikas, mit einem breiten Rücklagenpolster, das selbst durch die immer noch andauernde Wirtschaftskrise, die so manches Provinzorchester hat Bankrott gehen lassen und sogar das berühmte Philadelphia Orchestra in den nominellen Konkurs getrieben hat, nicht nennenswert ins Trudeln geraten ist. Der Grund: Neben der Disney Hall (in der auch der Los Angeles Master Chorale auftritt) – jahrzehntelang der teuerste Parkplatz in ganz Los Angeles, bis es endlich mit dem Bau losging – besitzt man auch das weltbekannte, 1922 eröffnete Amphitheater Hollywood Bowl in den Hollywood Hills, gleich vor den Universal Studios. Und da werden in den Sommermonaten gut und gern am Abend 18.000 Tickets für Hochklasse-Entertainment verkauft, aber eben auch für die Open- Air-Konzerte des LA Phil.
Hier war es auch, wo Salonen-Nachfolger Gustavo Dudamel erstmals offiziell im August 2009 den Chefstab geschwungen hat. Ein kluger Schachzug – nach den vielen Europäern sollte nun nicht nur einer der jüngsten, charismatischsten und bereits vielgefragten Pultstars hier antreten – man wollte auch unbedingt einen Latino, denn die rapid wachsende spanischsprachige Bevölkerung ist bis jetzt kaum eingebunden in Klassikkonzerte. Mit dem gerade mal 30-jährigen Venezolaner, der keinerlei Berührungsängste kennt, hat sich das schlagartig geändert. The Dude ist eine der neuen Ikonen der Stadt, eine Celebrity, deren Ruhm weit über die üblichen Musikmilieu-Kreise hinausreicht. Eben ist er erstmals Vater geworden, ein weiteres Band, das ihn in der Megastadt in Kalifornien hält.
Auf der Straßenseite gegenüber der Disney Hall, im riesigen mehr als 3200 Plätze fassenden Dorothy Chandler Pavilion wäre man froh, man könnte auf solch frischen Ruhm und ein solches Budget verweisen. Im durch die oftmals dort abgehaltenen Oscar- Verleihungen berühmten Haupthaus des 1964 eingeweihten Los Angeles Music Center, mit seinen zwei weiteren Theatern einem der drei größten Zentren der darstellenden Künste in den Vereinigten Staaten, residiert die 1986 gegründete LA Opera. Die hatte ein paar kurzlebige Vorgänger, die meist nur Gastspiele einluden, darunter auch mehrmals die Metropolitan Opera aus New York, und wurde schließlich mit Verdis »Otello« neu gestartet. In der Hauptrolle: Plácido Domingo. Der leitet seit 2003 auch die Company, die in dem Gebäude mit seinen vier Stockwerken, seinen Kronleuchtern und den großen geschwungenen Treppen kaum mehr als vierzig Vorstellungen im Jahr von etwa acht Opern gibt, von denen die meisten auch noch von anderswo ausgeliehen werden.
Der Deutsche Edgar Baitzel war freilich der Mann, der hier hinter dem Aushängeschild und Sponsorengeldeintreiber Domingo die Fäden in der Hand hielt. Nach seinem Tod 2007 wurde zwar noch das ehrgeizige Projekt eines ersten LA-»Ring des Nibelungen« durchgezogen, doch die 130 Millionen Dollar teure Angelegenheit hinterließ vergleichsweise wenig Wirkung. Es wurde kein futuristischer Westcoast-Wagner unter Einbeziehung von George Lucas oder Steven Spielberg, wovon man früher geträumt hatte. Man holte – mutig genug – den deutschen Regietheater-Altmeister Achim Freyer, der hier sein ganz privates, in Europa ästhetisch längst abgehaktes Mythengebräu anrührte. Für die Amerikaner war das ungewohnt, aber viel Ruhm brachte es nicht. Dafür hohe Schulden. Inzwischen ist der Opernbetrieb stark zurückgefahren, man setzt nur noch auf Stars. Ungewöhnliches, wie etwa die »Entartete Musik«-Reihe des Musikdirektors James Conlon mit US-Erstaufführungen von Schreker, Braunfels oder Ullmann, ist bis auf weiteres vertagt. Und selbst die kalifornische Erstaufführung des hier komponierten »Moses und Aron« war 2001 unter Conlon- Vorgänger Kent Nagano konzertant mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin nur deshalb möglich, weil der inzwischen im Gefängnis sitzende Börseninvestor Alberto Vilar dafür eine Million Dollar gezahlt hatte.
Lieber Surfen in Venice Beach, Wassertreten in Malibu, nach Las Vegas düsen oder in ein Studentenkonzert in der Schoenberg Hall an der University of Californa (UCLA) oder dem Bovard Auditorium an der University of Southern California (USC)? Man mag es niemandem verdenken, dass Los Angeles unter dem ewig blauen, wenn auch manchmal durch den Smog kaum erkennbaren Himmel zwar eine Musikstadt ist, aber oft die Außenaktivitäten in der Nachbarschaft attraktiver scheinen, als das stundenlange Kriechen im Stau zu einem der weitentfernten Musik-Hotspots.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2012



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