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Olivier Messiaen zum 100. Geburtstag

Der Hebammen-Künstler

Michael Stegemann – Musikwissenschaftler, Journalist, Autor, Regisseur und Komponist – war einer der letzten Meisterschüler von Olivier Messiaen. 1976/77 studierte er bei ihm Komposition am Conservatoire in Paris – es waren Messiaens letzte Lehrjahre. Für RONDO gibt er einen faszinierenden Einblick in die »Werkstatt« und eine liebenswürdige Beschreibung seines Lehrers.

Die »Salle Gounod« im zweiten Stock des alten Conservatoire in der Rue de Madrid war hässlich, eng und spartanisch-schäbig möbliert. Doch zweimal pro Woche verwandelte sie sich in einen der herrlichsten Orte der Welt, wenn Olivier Messiaen hier unterrichtete: montags von neun bis zwölf die Meisterklasse, mittwochs von neun bis zwölf Analyse. Und wenn er gelegentlich zehn oder 15 Minuten zu spät kam – »Excusez-moi, le métro ...« –, konnten die Sitzungen auch bis eins oder halb zwei dauern. Die Anrede war »Maître« (»Meister«). Charakteristisch im Sommer die bunten Hemden, im Winter der violette, wollene Häkelschal (»Wissen Sie, den hat meine Frau für mich gemacht ...«), die abgenutzte Aktentasche, die auf den linken der beiden Flügel gelegt wurde, die fast den ganzen Raum ausfüllten, das etwas hilflose Hin- und Herrücken der Instrumente, die irgendjemand am Vorabend verschoben hatte: »Warten Sie, Maître, wir machen das schon ...« Eine kurze Begrüßung der acht offiziellen Studenten und der Gasthörer, die sich regelmäßig einfanden, ein kurzer Austausch über das seit dem letzten Mal Gehörte, Gesehene und Erlebte – und dann los: »C’est qui aujourd’hui?« (»Wer ist heute dran?«) Jeder von uns war alle acht Wochen an der Reihe, die Fortschritte des Werkes, an dem er gerade arbeitete, vorzustellen. Wer dran war, setzte sich mit seinen Noten an den rechten Flügel – Messiaen saß an dem anderen, die Klasse stellte sich im Halbkreis dahinter auf – und spielte das neu Komponierte vor. Manchmal, wenn man sich allzu ungeschickt anstellte, oder wenn ihn irgendetwas besonders interessierte – »Vous permettez ...?« –, übernahm der Maître selbst das Spielen. Ich habe nie wieder einen Musiker wie ihn am Klavier erlebt, der selbst die komplizierteste Partitur nicht nur prima vista erfassen, sondern auch so wunderbar umsetzen konnte, dass man fast seine eigene Musik nicht wiedererkannte ...
Dann begann der Austausch, zunächst mit den anderen. Es war zwar »die Messiaenklasse«, aber keine Messiaenschule. Jeder von uns – eine Polin, eine Französin, ein Japaner, ein Grieche, ein Türke, ein Amerikaner, ein Engländer (der damals 16-jährige George Benjamin), ein Deutscher ... – hatte seinen eigenen Stil. Das Spektrum reichte vom Expressionismus in der Nachfolge Bartóks oder Strawinskys über streng serielle Arbeiten bis hin zu experimenteller und elektronischer Avantgarde. Entsprechend unterschiedlich waren die ästhetischen Positionen, entsprechend heftig die Diskussionen. Ich erinnere mich noch gut an »Fuji«, den (seriellen) Japaner, der jedes Mal schmerzhaft zusammenzuckte, wenn er eine Oktave oder gar einen Dreiklang hörte. Umgekehrt schauten Hüseyin Sermet – heute ein renommierter Pianist und Komponist – und ich uns immer halb amüsiert, halb ratlos an, wenn uns »Fuji« mit stupender Virtuosität seine Klaviersonate vortrug und sich dabei für falsch gespielte Noten entschuldigte: Wir hatten nichts bemerkt ...
Der Maître hörte anfangs zu, um sich dann mehr und mehr an der Diskussion zu beteiligen – nicht mit Antworten, sondern eher platonisch nach dem Warum einzelner Stellen fragend, wobei er stets mit sicherem Blick genau jene Stellen heraussuchte, bei denen man selbst unsicher gewesen war. Und je tiefer er mit seinen Fragen in die Musik eindrang, desto klarer wurde einem selbst, was gelungen war, und wo man noch einmal überlegen oder nachbessern musste. Nie gab es direkte Kritik, selten mal ein leises, eher en passant geäußertes Lob: »Die Instrumentation hier gefällt mir gut.« Wer von uns jedoch konkrete, zumeist kompositionstechnische Fragen hatte, dem wurde mit präzisen Hinweisen geholfen.
In der Analyseklasse saß der Maître immer selbst am Flügel, spielend und singend: der erste Akt der »Walküre«, die erste Szene aus Debussys »Pelléas et Mélisande«, die »Ondine« aus Ravels »Gaspard de la nuit« (was für ein Klavierspiel!), zwei Sätze aus dem »Quatuor pour la fin du temps«. Musikalische Entdeckungsreisen mit dem faszinierendsten und kundigsten Führer, den es geben konnte! Und in der letzten Sitzung vor den Ferien dann: Lieder von Franz Schubert, den Messiaen zutiefst verehrte: Vom »Heidenröslein« bis zur »Winterreise« – und jeder sang die Lieder mit, jeder in seiner Sprache, vom Maître begleitet. Wie gesagt: einer der herrlichsten Orte der Welt!


Der Spatz aus Avignon

Der französische Komponist Olivier Messiaen war ein legendärer Pädagoge und Organist, ein begeisterter Ornithologe und tiefgläubiger Mensch. Diese Mischung aus kompositorischem Fortschritt, Spiritualität und Naturverbundenheit war bei ihm nie zu trennen, sondern reifte in seinem langen Leben zu Werken, die heute allesamt Klassiker der Moderne sind. Ob es nun seine Orgelwerke waren, die ihm von »Le banquet céleste« aus dem Jahr 1928 bis zum letzten großen Zyklus »Livre du Saint Sacrement« (1984) einen »wunderbaren Ausblick ins Jenseits « ermöglichten. Sein »Quatuor pour la fin du temps«, das der Soldat Messiaen 1940/41 im Kriegsgefangenenlager Görlitz schrieb und dort auch mit Mitgefangenen uraufführte, gilt als ein Meilenstein in der Kammermusik des 20. Jahrhunderts. In den Klavierzyklen wie dem »Catalogue d’oiseaux« oder in seiner einzigen Oper »Saint François d’Assise« (1983) verknüpfte er exotisch verzwickte Rhythmen und leuchtkräftige Farbakkorde mit hochvirtuoser Klangfülle und sinnlich-süßen Klangwirkungen. Hier und überall verewigte er seine gefiederten Freunde als Botschafter des musikalischen Glaubens. Am 10. Dezember 1908, vor 100 Jahren, wurde Messiaen in Avignon geboren. Und bis zu seinem Tod 1992 in Paris gehorchte er seinem Lehrsatz: »Alle Musik, die sich in Ehrerbietung dem Göttlichen, dem Heiligen, dem Unaussprechlichen nähert, ist religiöse Musik im vollen Wortsinne.«
Guido Fischer


Rondo Autor, RONDO Ausgabe 5 / 2008



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