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Fanfare

Für gewöhnlich finden wir uns an dieser Stelle zusammen, um gemeinsam die schönen Dinge des Lebens im Allgemeinen und der Musik (respektive des Musiktheaters) im Speziellen zur Sprache zu bringen. Allein, eine traurige Nachricht will es, dass es diesmal – zumindest am Anfang – anders ist. Denn es gilt, den Abgang eines Großen zu beklagen. Keine Angst, er lebt noch. Aber er verlässt die Bühne. Noch in diesem Jahr. Im Dezember gibt Alfred Brendel sein definitiv letztes öffentliches Konzert als Pianist. Dass er es in Wien tut, versteht sich. Schließlich ist Brendel Österreicher, auch wenn er seit Jahrzehnten in England lebt. Und bevor wir uns nun den musikalischen Angelegenheiten zuwenden, sei dieser kurze Schlenker in die Sphäre des Politischen doch erlaubt und damit die Frage einmal in die Öffentlichkeit geworfen: Warum, um Himmelswillen, haben ihm diese Sturköpfe von Briten bis heute nicht den »Sir«-Titel verliehen? Nur weil er nicht einer von ihnen ist? Weil er seine k. und k. Staatsbürgerschaft nicht abgelegt hat? Weil er schöne Frauen mit üppiger Oberweite liebt und über diese verzeihbarste aller Schwächen auch noch Gedichte verfasst? Mein lieber Herr Gesangsverein, das ist einfach unglaublich. Diese Briten. Aber was nützt es, das Schimpfen, wenn nicht zu ändern ist, was nicht zu ändern ist. Dann eben kein Sir Alfred. Unserer Zuneigung kann er ohnehin auch ohne Adelstitel sicher sein. Zumal wir, weil der Wientermin nicht sicher ist, schon einmal Abschied genommen haben von Mr. Alfred. Und zwar in Berlin. Dort hat Brendel mit den Berliner Philharmonikern das letzte Mal ein Klavierkonzert als Solist bestritten. Natürlich eines von Mozart, einem seiner drei obersten Säulenheiligen (Schubert und Haydn sind die beiden anderen), und zwar eines der beiden Moll-Konzerte, das melancholische KV 491. Und was glauben Sie, wer war an Mr. Alfreds Seite, wer stand am Pult in Scharouns Prachthütte? Ja, Sie hören und lesen recht: Ein Sir war’s. Um präzise zu sein, Sir Simon, im bürgerlichen Leben Simon Rattle. Und gemeinsam haben Sir Simon und Mr. Alfred diesen Mozart so wunderbar musiziert, dass uns noch jetzt die Tränen in den Augen stehen.
Aber was nützen Tränen, wenn Wagner ruft? Gar nichts. Also sind wir ins Flugzeug gestiegen und nach Valencia geflogen, um dort den »Parsifal« zu sehen und zu hören. Lorin Maazel dirigierte, Werner Herzog inszenierte. Aber dazu gleich. Denn auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen, aus Südwesten kommend, nutzten wir die Chance, einmal das Staatstheater in Mainz anzuschauen. Ein hübsches Gebäude, recht klein und recht fein, mit nettem Interieur, und auch dort gab es einen »Parsifal«. Oder sollen wir sagen: eine »Parsifal«-Probe? Wir staunten nicht schlecht, als der Vorhang sich hob zu Sandra Leupolds Inszenierung. Die Dame hatte den ganzen Weihrauch vom Bühnenfestspiel hinweggepustet und das Ganze als Probe inszeniert. Herrlich war das, weil in jedem Detail durchdacht, nicht einfach nur provokant. Besonders schön waren die vier jungen Damen anzuschauen, die als Engel das Geschehen in den Gralsburgszenen rahmten, mitsamt ihren Kerzenleuchtern. Da zudem gut und zum Teil sehr gut gesungen wurde und auch das Orchester von Catherine Rückwardt zu fabelhafter Leitung motiviert wurde, konnten wir nicht anders, als beglückt in die Mainzer Nacht hinauszuschleichen – nach knapp fünf Stunden Wagner.
In Valencia, wo es wärmer ist als in Mainz, stiegen wir in einem Hotel unweit der Oper ab, nahmen einen kleinen Drink zur Stärkung und spazierten dann hin zum Calatrava-Raumschiff, in dessen Innern der Palau de les Arts beheimatet ist. Ein schmucker Musentempel fürwahr, akustisch übrigens ganz famos. Und ebenso war auch der Abend. Maazel zeigte sich von seiner feinsten Seite, der Mann kann ja, wenn er will, einer der weltbesten Dirigenten sein. Und auch Herr Herzog vermochte uns mit seiner bildreichen Inszenierung durchaus zu begeistern. Kurzum: Es war ein veritables Vergnügen, nur eben ganz anders als in Mainz. Und nach der Vorstellung gab es wunderbare Tapas. Aber das nur am Rande.
Kaum zurück in Frankfurt, fuhren wir vom Flughafen directamente in die Oper der Mainmetropole. Denn man hatte uns gesagt, es gebe dort einen anspruchsvollen »Lear«. Nun ist das Stück des Komponisten Aribert Reimann nicht jedermanns Sache, aber es besitzt doch Kraft. Und in der Inszenierung von Keith Warner, der, wie wir hören, im bundesdeutschen Feuilleton keinen besonders guten Namen haben soll, gewann das musikalische Geschehen eine szenische Macht, der wir uns nicht entziehen konnten. Denn was wir sahen, war eine in sich schlüssige Psychostudie über die Abgründe des Menschen, zumal über seine Neigung zur Gier, zur unersättlichen. Gesungen wurde herausragend, vor allem Jeanne-Michèle Charbonnet als Goneril, Britta Stallmeister als Cordelia und Wolfgang Koch in der Titelpartie überzeugten unser kritisches Ohr doch über die Maßen.
Voll des musiktheatralen Glücks machten wir danach erneut einen Abstecher in die bundesdeutsche Kapitale. Irgendwie brauchten wir einen Pianisten, der imstande war, uns vom Brendelschmerz zu befreien. In Lars Vogt fanden wir ihn. Vogt spielte mit den Berliner Philharmonikern und Rattle das erste Klavierkonzert von Johannes Brahms, also jenes Stück, über das Hélène Grimaud, Vogts Kollegin, einmal gesagt hat, sie könne nicht verstehen, wie man ohne dieses Stück leben könne. Nachdem wir Lars Vogt gehört haben, können wir der Dame nur beipflichten. Einfach himmlisch dieses Stück. Und dazu angetan, alle Schmerzen hinweg zu tun. In der Hoffnung, sie stimmen uns darin zu, bis zum nächsten Mal
Ihr Tom Persich

Tom Persich, RONDO Ausgabe 6 / 2008



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