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Das Mahler Chamber Orchestra

Das fliegende Klassenzimmer

Als Auffanglager für eines von Claudio Abbados Jugendorchestern gegründet, hat sich das Mahler Chamber Orchestra zum Gegentypus deutscher Dienstensembles entwickelt. Mit 48 Mitgliedern aus 19 verschiedenen Ländern erscheint es als organisatorisches Unding. Robert Fraunholzer hat dem Orchester einen Hausbesuch in seiner Berliner Dépendance abgestattet.

Als das Mahler Chamber Orchestra im vergangenen Jahr unter Pierre Boulez die Janáčekoper »Aus einem Totenhaus« (in der Regie von Patrice Chéreau) triumphal in etlichen Metropolen zeigte, saßen nacheinander drei Weltklassedirigenten im Publikum: Esa-Pekka Salonen, Seiji Ozawa und Daniel Barenboim. Sie alle erklärten, dieses Ensemble dringend einmal dirigieren zu wollen. Das können sie. Das 1997 aus ehemaligen, dem Gustav Mahler Jugendorchester entwachsenen Jungprofis gebildete MCO führt das Leben einer luxuriösen Wanderhure. Treu sein (zu einem Chefdirigenten) wollen sie nicht. Ein festes (Proben-)Haus haben sie nicht. Und Subventionen, auf denen man sich ausruhen könnte, kriegen sie nicht.
Nur mit Briefkasten und dezentem Namensschild ausgestattet (an dem man dreimal vorbeistiefelt, bevor man das Domizil entdeckt), bildet das Mahler Chamber Orchestra den gewiss bestversteckten Klangkörper von Berlin. Gern konzertiert man mit hier wohlvertrauten Dirigenten wie Claudio Abbado oder Daniel Harding und sorgt in der Hauptstadt für Schlagzeilen, die man mit Aufführungen in Ferrara, Aix-en-Provence oder Baden-Baden hervorgerufen hat. Der verminte, freilich auch geldklamme Konzertmarkt der Hauptstadt selbst scheint für das MCO unerreichbar.
Rund 135 subventionierte Kulturorchester gibt es in Deutschland. Nur funktionieren die eben völlig anders. Wenn das Mahler Chamber Orchestra seine Musiker für Proben oder Auftritte zusammentrommelt, fliegen die Musiker (bezahlterweise) aus aller Herren Länder ein, um sich gemeinsam im Bus von Ort zu Ort zu bewegen. Mit einer Altersstruktur von bis zu 40 Jahren und 19 vertretenen Nationen hat man eine konkurrenzlos junge Internationalität erreicht. Als eingetragener Verein gegründet, schließen die 48 freiberuflichen Musiker ihre Verträge mit einer angegliederten GbR. (Die Hälfte aller Auftritte sind für die Mitglieder Pflicht.) Der ganze Betrieb, bei dem fast immer Extraplayer vonnöten sind, ist nicht vertikal, sondern projektweise strukturiert: Während »normale« Orchester von sämtlichen Stellen ihrer Verwaltung betreut werden, begleiten hier einzelne Projektmanager je ein Projekt von vorne bis hinten. Alles aus einer Hand. Organisatorisch ist das Mahler Chamber Orchestra damit ein fliegendes Klassenzimmer, das dem Lehrer an die exotischsten Orte folgt.
Seit 2003 bilden sämtliche Musiker des MCO auch den Grundstock von Claudio Abbados Lucerne Festival Orchestra (bei dem es sich also in Wirklichkeit um das – edel aufgestockte – MCO handelt). Daniel Harding, als ordnender Klassenlehrer (nicht Chef, sondern Principal Conductor) bis 2011 engagiert, hat auf Programme, die er nicht selbst dirigiert, ebenso wenig Einfluss wie auf die Wahl von Gastdirigenten. Man funktioniert demokratischer als die Berliner Philharmoniker (ohne es sich – wie diese – mit einem Chef fundamental verscherzen zu können, denn man hat ja keinen). Obwohl man mit Alte-Musik-Spezialisten wie Herreweghe und Minkowski regelmäßig trainiert und auf Minibesetzungen spezialisiert ist, spielt Barockmusik fast keine Rolle. Man braucht sie nicht. Überraschend genug lässt sich dennoch sagen: Wenn die Lehren der Alten Musik (in puncto rhetorischer Artikulationsfertigkeit, Transparenz und angerautem Klangbild) jemals harmonisch umgesetzt wurden, dann hier.
Man höre die märchenhafte Fabulierkunst, mit der man unter Claudio Abbado dessen erste »Zauberflöte« (mit Dorothea Röschmann und Christoph Strehl) wachküsste, die Süffigkeit von Auber bis Offenbach, mit der Marc Minkowski die Mezzosopranistin Magdalena Kožená begleitete – oder die zwirbelnde Differenzierungslust Daniel Hardings bei Brittens »Turn of the Screw«. Die satte Wandlungsfähigkeit des Orchesters vermag sogar auf der neuen CD der holländischen Geigerin Janine Jansen, das Violinkonzert Tschaikowskys wie auf dicken Händen zu tragen (Beispiel auf der RONDO-CD #30). Limitlos, aber doch stets eine faszinierende Nummer feiner als andere. Ende Mai wird man, zum Lohn der Neugier, mit Robert Wilson in Baden-Baden den »Freischütz« aufführen (unter Thomas Hengelbrock).
Stark definiert man sich über künstlerische Liebesbeziehungen zu Solisten wie Pierre-Laurent Aimard, Christian Tetzlaff oder Martha Argerich – und lebt vom studentischen Charme von Teamworkern, die in der weitläufigen Etage in der Hasenheide so beschaulich wirken, als handele es sich um eine Wohngemeinschaftsküche. Unverwöhnt von Fremdworten wie Überstunden oder Tarifvertrag, mit einer frei flottierenden Organisationsform und marktwirtschaftlich offenem Repertoire, hat das MCO das Kunststück fertiggebracht, von der Landkarte einer festen Repräsentanz quasi zu verschwinden – und sich im selben Augenblick als eine globale Marke zu etablieren.
Bei ihrem paradoxen Erfolgsmodell wundert man sich nicht einmal über die Tatsache, dass man es geschafft hat, einen völlig absurden Orchesternamen mundgerecht und plausibel klingen zu lassen. Denn ein Kammerorchester mit dem Namen Gustav Mahlers zusammenzubringen, ist eigentlich eine Schnapsidee. Der Namenspatron und Komponist der »Sinfonie der Tausend« hat kaum ein einziges Werk komponiert, das von einem so kleinen Ensemble aufgeführt werden könnte. »Prompt«, so Intendant und General Manager Andreas Richter, »kauft man uns Mahlers Vierte, die wir im Programm haben, besonders gern ab«. Für die reich gesättigte, auf Sicherheit und feste Häuser bedachte Orchesterlandschaft in Deutschland spricht es durchaus, dass ein krasses Gegenmodell zu ihm so weit kommen konnte. Die »Mahlers« stehen dafür ein, dass alles ganz anders sein könnte als bisher.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2008



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