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Musikstadt

Krakau: Klezmer, Kunst und Kennedy

Im Dezember eröffnet in Krakau ein neues Opernhaus. Grund genug, sich einmal bei unseren polnischen Nachbarn umzuschauen. Denn die Stadt an der Weichsel hat noch mehr zu bieten. Drei unterschied-liche Musikfestivals zum Beispiel, die unter dem Motto »Sechs Sinne« der Stadt sechs schöngeistige Fest-wochen im Jahr bescheren. Und wer Glück hat, kann in irgendeinem Jazzklub der Stadt den Leiter des Polnischen Kammerorchesters treffen: den Geigenexzentriker Nigel Kennedy.

Auch Goethe war hier. Es hat ihm nicht sonderlich gefallen. Doch jetzt steht er immer noch da – zur Salzsäule erstarrt, 130 Meter unter der Erde. Was die selbstredend katholischen Krakauer in ihrem längst zum Weltkulturerbe zählenden Salzbergwerk Wieliczka sonst nur Heiligen und Päpsten, höchstens noch dem bald 200-jährigen (2010!!) Chopin widerfahren lassen. Auch sonst erfüllen sich deutsch-polnische Klischees sofort. Schaltet man im Krakauer Hotelzimmer den Fernseher ein, dann lackiert sich da auf Kanal fünf ein blondes Fräulein vor einer Hitlerbüste die Nägel, und ein SS-Offizier brüllt Befehle. Dessen nächster Auftritt im Blümchennachthemd, Adolfs heißeres Bellen aus dem Telefonhörer und die eingespielten Lacher offenbaren freilich die TV-Satire. Dabei ging doch gerade die Meldung durch die Presse, die Polen seien die größten Erzeuger von Nazidevotionalien … und dann kommt die Großmutter der deutschsprachigen Reiseführerin auch noch aus Bayreuth!
Klischees sind dazu da, dass sie entlarvt und ausgetrieben werden. Das versuchte man diesen Festivalherbst in Krakau mit der sechsten Ausgabe des Musikfestes »Sacrum + Profanum«, das ganz der deutschen Musik des 20. Jahrhunderts gewidmet war. So will man dem ewigen Rivalen Warschau, wo der einst berühmte »Warschauer Herbst« inzwischen müde dahindämmert, zeigen, was Kunstsache ist und gleichzeitig das behäbig nostalgische Krakau, diese etwas italienisch renaissancehaft anmutende Touristenattraktion, ein wenig aufmischen. Was gelang: Die Konzerte waren voll, ein junges Publikum lauschte gebannt. Die Krakauer haben sich nämlich von ihrem Kulturhauptstadtjahr 2000 nachhaltig ein Festivalbüro bewahrt, in dem eine junge Truppe unter dem Motto »Sechs Sinne« sechs schöngeistige Festwochen organisiert, darunter drei Musikfestivals: zu Ostern eines mit alter Musik (»Misteria Paschalia«), bei der von Jordi Savall bis Nikolaus Harnoncourt alle Darmsaitengurus vertreten sind, und zum Jahresende eines, das der polnischen Musik in allen historischen und stilistischen Varianten vorbehalten ist. Im Herbst legt zudem zehn Tage lang »Sacrum + Profanum« los, wo, jeweils einem Land gewidmet, zeitgenössische und dennoch »heilige« Musik in alltäglicher Umgebung, sprich: alten Industriehallen, erklingt.

Popstarstatus für Stockhausen

Es war die größte Demonstration deutscher Musik in Polen überhaupt. Zu seinem 80. Geburtstag sollte Karlheinz Stockhausen (auch leibhaftig) im Mittelpunkt stehen, nun gerieten vier spätabendliche Konzerte in der ruinösen Oskar-Schindler-Fabrik zu einer posthumen Hommage. Während das Verwaltungsgebäude bereits für eine spätere Museumsnutzung saniert ist, hat die Montagehalle des ehemaligen Emaillewerks die richtige mysteriöse (wenn auch kalte) Atmosphäre für die Werke des unlängst zum Planeten Sirius Entschwundenen. Mag immerhin Stockhausen als einziger zeitgenössischer deutscher Komponist Ende der Sechziger-/Anfang der Siebzigerjahre beinahe so etwas wie Popstarstatus gehabt haben, der junge, vor Ideen berstende künstlerische Festivaldirektor Filip Berkowicz setzte bewusst an den Anfang und das Ende dieser Musiktage zwei populäre Konzerte. Da gab es zum Auftakt einen Kurt-Weill-Abend in der neobarocken, in den Dreißigerjahren errichteten Szymanowski-Philharmonie, mit Ute Lemper und Marc Minkowski sowie als gar nicht feinsinnigen Höhe- und Schlusspunkt den Auftritt der auch in Polen als Technopioniere verehrten Popgruppe Kraftwerk. Das fand passenderweise in einer Stahlwerkshalle in der sozialistischen Mustersatellitensiedlung Nova Huta statt. Die »Sacrum + Profanum«-Macher basteln freilich schon am nächsten Festivalthema, das England vorbehalten ist. Dabei soll dann Radiohead das Finale bestreiten.
In Krakau liegt Musik. Nicht nur, wenn in Busonis »Doktor Faust« drei Studenten der ehrwürdigen Jagiellonen-Universität – der zweitältesten nach Prag in Mitteleuropa – auftauchen. In eben dieser Universitätsbibliothek liegen heute noch Mozarts »Jupitersinfonie« (das »Zauberflöten«-Manuskript wurde zurückgegeben), Beethovens Neunte Sinfonie und diverse andere Ikonen der europäischen Musik, ausgelagertes Notengut aus Berlin, das nach dem Zweiten Weltkrieg – sorgsam gehegt und gepflegt – hier verblieb, ein heikles bilaterales Thema. Doch bei der Besichtigung der stimmungsvollen Hörsäle ist davon nicht die Rede, da zeigt man lieber Artefakte von Johannes Kepler und anderen berühmten Lehrern. Die Deutschen kommen trotzdem in Scharen in die kneipenreiche Kunstmetropole, besonders im Herbst. Sie müssen sich Krakau zwar mit den trinkfreudigen Engländern teilen, die bevorzugt für feuchtfröhliche Junggesellenabende aus ihren Billigfliegern hervorquellen, doch beschränken diese sich eher auf den blitzblank sanierten Markt mit Tuchhalle und grellbunter Marienkirche mit dem grandiosen, ebenfalls sehr farbig gefassten Schnitzaltar von Veit Stoß. Die relativ kleine historische Stadt bietet aber hinter fast jeder Ecke Sehenswertes, etwa die neu eingerichtete Mittelaltersammlung des Nationalmuseums oder das noch wie eine stilvoll verstaube Privatsammlung gepflegte Czartoryski-Museum mit Leonardos fein gepinselter Dame mit dem Hermelin.
In Krakau spielen nicht nur die Krakauer Philharmoniker und die Sinfonietta im Konzertgebäude am Rande der Altstadt. Es gibt viel Kirchenmusik in den großen Backsteingotteshäusern, aber noch mehr Jazzkneipen in den den Markplatz umsäumenden Altstadtstraßen und -kellern. Man kann keine besonders empfehlen, die hochlebendige Szene wandelt sich ständig. Das hat auch den einstigen englischen Skandalgeiger Nigel Kennedy angezogen, dessen Frau von hier stammt und der in einem der verwinkelten Häuser eine Wohnung hat. Hier kam er mit der längst berühmten Klezmerjazztruppe Kroke zusammen, mit der er ab 2001 auftrat, was den Ruf der Jazzmetropole an der Weichsel noch weitertrug. Die jüdischen Musiktraditionen und der Jazz mischen sich besonders auch beim Jüdischen Kulturfestival im Juni und Juli, das zu den Höhepunkten des Krakauer Musiklebens gehört. Das ganze Jahr über spielt man übrigens im stimmungsvollen Kaffeehaus am Hauptplatz in Kazimierz Musik des letzten galizischen Klezmermusikers Leopold Kozlowski. Und bei einem der vielen feinen Kuchen, serviert auf den spitzengedeckten Tischen vor tiefen Polstersesseln scheint wirklich die Zeit still zu stehen.


Die Oper überm Pferdestall

Mehr von sich hören lassen, möchte künftig auch die Krakauer Oper. Bisher musste sie sich samt ihrem Ballett das neobarocke Słowacki-Theater im Stadtpark mit dem Schauspiel teilen. Und konnte dort leider viel zu wenige Vorstellungen geben. Bald aber schon wird sie ein am Altstadtrand gelegenes neues Haus mit 800 Plätzen beziehen, das fast fertig ist. Über die Außenmauern eines ehemaligen Armeepferdestalls, der jetzt in grün gehalten und mit einem Tonnendach versehen ist, reckt sich das nüchtern quadratische Gebäude mit seiner durchlässigen Glasfassade, in dem ein ansprechend intimer Saal untergebracht ist. Dort möchte sich das bisher nicht besonders auffällige Musiktheater aus seiner langen Provisoriumsexistenz zu neuen künstlerischen Höhen beflügeln lassen. Im Spielplan dominieren bisher alte Repertoirebekannte wie »La Bohème«, »Zigeunerbaron«, »Così fan tutte«, »Faust«, »Rigoletto« oder »Pique Dame«, doch es findet sich auch die sogar auf DVD festgehaltene, rare Szymanowski-operette »Loteria« und zum 75. von Penderecki kommt dessen »Teufel von Loudun« neu heraus.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2008



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