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Fritz Wunderlich

Der Schatz vom Wallrafplatz

Gleich mehreren Zufällen ist es zu danken, dass 1959 eine Rundfunkaufnahme von Händels Oper »Alcina« kurzerhand zur Sternstunde avancierte: Bei den Proben stellte sich heraus, dass die Sopranistin mit der Titelpartie hoffnungslos überfordert war und der Tenor statt der Hauptrolle eine Neben-partie einstudiert hatte. Es sprangen ein: keine Geringere als Joan Sutherland und ein noch ziemlich unbekannter Tenor namens Fritz Wunderlich.

Samstag, der 9. Mai 1959: Im Kölner Funkhaus des WDR am Wallrafplatz traf sich ein international besetztes Ensemble zur ersten Probe für Händels Oper »Alcina«, die, im 200. Todesjahr des Komponisten, erstmals wieder mit historischen Instrumenten der Barockzeit musiziert, konzertant aufgeführt und gleichzeitig live über den Äther geschickt werden sollte. Die für dieses Ereignis vorgesehenen Gesangssolisten waren aus fünf verschiedenen Ländern angereist: Die Titelpartie sollte die spanische Sopranistin Dolores Pérez übernehmen. Für die männliche Hauptrolle des Ruggiero war der Italiener Nicola Monti nach Köln gebeten worden. Als Interpreten der kleineren Partien standen Norma Procter und Thomas Hemsley (England), Jeannette van Dijck (Niederlande) sowie Fritz Wunderlich zur Verfügung. An den Orchesterpulten saßen die Alte-Musik-Spezialisten der Cappella Coloniensis, des 1954 unter dem Dach des WDR gegründeten Pionierensembles des historisierenden Musizierens. Und am Pult stand Ferdinand Leitner, damals vor allem mit Wagner und Strauss sehr erfolgreich. Gern hatte er die reizvolle Aufgabe übernommen, einmal eine Barockoper »im Stil der Zeit« zu dirigieren.
Die Orchesterprobe begann, bald fiel der erste Einsatz des Ruggiero an – aber niemand sang. Stattdessen wurde es unruhig im Gesangssolistenteam. Nicola Monti, ein im 39. Lebensjahr stehender, höchst erfahrener Solist der Mailänder Scala und Bühnenpartner von Maria Callas, erbleichte, denn ihm wurde plötzlich klar, dass er die falsche Partie einstudiert hatte: die kleinere Rolle des Feldherrn Oronte nämlich, für die aber tatsächlich Fritz Wunderlich vorgesehen war. Und dann geschah das Überraschende. Wunderlich, der erst 29-jährige Newcomer, bemerkte die schreckliche Verlegenheit des italienischen Kollegen, wandte sich mit beruhigenden Worten an ihn – und übernahm, zunächst für die laufende Probe, aus dem Stehgreif dessen Partie, die er gar nicht kannte.
Wunderlich war schon immer ein Tausendsassa gewesen: Bereits in jungen Jahren hatte er, vor allem für Auftritte von Tanzbands, in denen er verschiedene Instrumente spielte und außerdem natürlich sang, Arrangements angefertigt. Der kreative Umgang mit Musik, das Bearbeiten und Improvisieren, waren ihm zutiefst vertraut und entsprachen seinem künstlerischen Naturell. Selbstverständlich war er auch ein hervorragender Vom-Blatt-Leser: All dies prädestinierte ihn zu jener »Heldentat« in Köln. Und dennoch ist es erstaunlich, mit welcher Souveränität Wunderlich die spontan übernommene Aufgabe meisterte: Seine Kollegin Norma Procter (s. Kasten) berichtet, er habe besonders die Arien schon beim ersten Durchsingen mit vollendeter Technik und reifem Ausdruck dargeboten – und dies, obwohl er die Noten nicht etwa aus einem benutzerfreundlich gedruckten Klavierauszug, sondern aus einer unhandlichen, handschriftlichen Partitur (die eigens für diese Produktion angefertigt worden war) ablas.

Immerhin war seine Leistung so überzeugend, dass man bald darauf entschied, Wunderlich auch in der Aufführung den Ruggiero singen zu lassen. Es stellte sich nämlich schnell heraus, dass Nicola Monti die Partie auf keinen Fall in so kurzer Zeit nachzustudieren vermochte. Er lernte zu langsam, und außerdem lag die Partie für ihn viel zu tief. In der Tat ist Ruggieros Musik im Schnitt etwa eine Quarte tiefer angesiedelt als die des Oronte. Man glaubt streckenweise, eine Baritonpartie zu hören. Die tiefer eingestimmten Instrumente verstärken diesen Effekt noch. Aber auch das bereitete Wunderlich keine Probleme. Scheinbar mühelos stellte er sich auf die für einen Tenor wahrlich unbequeme Tessitura ein. Freilich musste in der verbleibenden kurzen Zeit noch kräftig geackert werden, um das in der Probe ad hoc Verwirklichte zu sichern und zu festigen. Vor allem die Rezitative waren gründlich zu erarbeiten. Und so verbrachte Wunderlich zwischen den Proben viel Zeit mit Fritz Neumeyer, einem Alte-Musik-Mann der ersten Stunde, den er schon aus der Freiburger Studienzeit kannte. Neumeyer war der Cembalist der Cappella Coloniensis und feilte als Studienleiter außerdem mit den Sängern an ihren Partien.
Neumeyer sollte indes schon bald noch mehr Arbeit bekommen. Es war in den ersten Proben nämlich auch aufgefallen, dass Dolores Pérez der Titelrolle der Alcina keineswegs gewachsen war. Zwar trat sie musikalisch gut vorbereitet an, aber offenbar ließ ihre Stimme sie im Stich: Sie sang permanent zu tief und markierte zudem große Teile ihrer Partie. Mit großer Mühe gelang es den Verantwortlichen, sie zur Aufgabe ihres Engagements zu bewegen – gegen Zahlung von 60 Prozent des vorgesehenen Honorars immerhin, wie eine Aktennotiz aus den Archiven des WDR verrät. Mitt-lerweile waren wieder zwei Tage vergangen. Die männliche Hauptpartie war in trockenen Tüchern, aber dafür fehlte die weibliche Protagonistin. Nun drohte tatsächlich das totale Debakel, doch man glaubt es kaum: Ein weiteres Mal konnte Abhilfe geschaffen werden. Die australische Sopranistin Joan Sutherland hielt sich gerade in London auf, wo sie am Royal Opera House als Lucia di Lammermoor in einer bejubelten Zeffirelli-Inszenierung Furore machte. Sutherland hatte die Alcina zwei Jahre zuvor in London gesungen, allerdings in englischer Sprache. Sie hatte Zeit, sie reiste an. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Dirigenten Richard Bonynge, wurde sie, mit ihren 32 Jahren schon eine Diva, vom Flughafen abgeholt. Ihr Hut (so berichtet Fritz Wunderlichs Witwe Eva) war so groß, dass sie mit ihm nicht in das Auto des WDR passte.
Die Partie der Zauberin Alcina, das offenbart der nun erstmals auf CD veröffentlichte Mitschnitt der Aufführung, war mit Joan Sutherland großartig besetzt: Optimal passt ihr Divenhabitus zu dieser Rolle – ebenso wie Wunderlichs bezwingende Natürlichkeit und Jugendfrische hervorragend 9dem Charakter des ritterlichen Helden Ruggiero entspricht. So gingen am 15. Mai 1959 im Kölner Funkhaus zwei sehr verschiedene Sängerpersönlichkeiten an den Start. Gemeinsam haben sie die von der Presse enthusiastisch gerühmte »Alcina«-Produktion gerettet – und dennoch trennten sich danach ihre künstlerischen Wege für immer: Joan Sutherland und Fritz Wunderlich haben nie wieder gemeinsam auf einer Bühne gestanden.

Neu erschienen:

Händel

Alcina

Joan Sutherland, Fritz Wunderlich, Norma Procter, Jeannette van Dijck, Nicola Monti, Thomas Hemsley, Kölner Rundfunkchor, Cappella Coloniensis, Ferdinand Leitner

DG/Universal


Himmlischer Beistand: Norma Procter

Die englische Altistin Norma Procter, heute 81 Jahre alt, sang in der Kölner »Alcina« die Rolle der Bradamante. Ihre Erinnerung an diese außergewöhnliche Rundfunkproduktion ist noch frisch wie am ersten Tag. Am Telefon spricht sie voller Begeisterung von Fritz Wunderlich: »Er war so ein warmherziger, freundlicher Mensch. Nicola Monti war über seinen Irrtum völlig verzweifelt, am Boden zerstört – und Wunderlich sagte einfach ›Machen Sie sich keine Sorgen, ich übernehme ihren Part!‹ Und wie gescheit er war! Er sang die ganze Partie ohne einen einzigen Fehler vom Blatt, atem- und stimmtechnisch perfekt, er glitt förmlich durch die Musik. Wir alle applaudierten ihm nach dieser denkwürdigen Orchesterprobe!« Norma Procter war es auch, die den Verantwortlichen vorschlug, Joan Sutherland als Ersatz für Dolores Pérez zu engagieren. Noch heute schmunzelt sie darüber, dass das Publikum bei der Aufführung im Sendesaal nicht im Geringsten ahnte, wie nahe die ganze Produktion vor dem Scheitern gestanden hatte – ganz im Gegenteil: »Die Zuhörer waren absolut aus dem Häuschen! Im zweiten Akt gab es dauernd Szenenapplaus. An jenem Tag müssen einige Schutzengel um die Wege gewesen sein!« Aber die wärmsten Gefühle hegt Norma Procter bis heute für ihren Kollegen Fritz Wunderlich: »Es ist so schade, dass ich nie wieder mit ihm gesungen habe! Er wird immer in meinem Herzen bleiben.«


Michael Wersin, RONDO Ausgabe 6 / 2008



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