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Retro-Diskothek

»Das Neue ist selten das Gute«, meinte Schopenhauer, »weil das Gute nur kurze Zeit das Neue ist.« Aus der Fülle der Wiederveröffentlichungen auf CD stellt Michael Wersin in seiner »Retro-Diskothek« die besten der guten alten Scheiben vor.

Ein Kindergartenfreund im heimatlichen Bue-nos Aires ist mitverantwortlich für den Beginn von Martha Argerichs Pianistinnenkarriere. Er ärgerte die noch nicht Dreijährige mit der Behauptung, sie könne nicht Klavier spielen. Die kleine Martha, die bis dato tatsächlich nicht Klavier gespielt hatte, ging sofort zum Klavier und bewies das Gegenteil: Perfekt präsentierte sie aus der Erinnerung ein Lied, das sie im Kindergarten den Betreuer hatte spielen hören. Ein Tumult brach los, die Eltern wurden verständigt, und der Grundstein zu einem Beruf war gelegt, den Martha Argerich später stets mit gemischten Gefühlen betrachtete: Klavier spiele sie sehr gern, bekannte sie schon 1978, aber Pianistin wolle sie eigentlich nicht sein. Gut, dass sie es doch gemacht hat. Die acht Solorezitals, die Friedrich Guldas einzige Klavierschülerin zwischen 1960 und 1983 für die Deutsche Grammophon einspielte, ehe sie die Lust am Alleinsein auf der Bühne verlor und nur noch mit Kammermusikpartnern oder Orchestern zusammen auftrat, zählen mit Sicherheit zum Besten, was im 20. Jahrhundert am Klavier hervorgebracht wurde. Es gibt sie nun als Box (DG/Universal 477 5870). Man lasse sich dieses interpretatorische Feuerwerk nicht entgehen.

Das norditalienische Städtchen Busseto (Provinz Parma) verdankt seinen Ruhm der Tatsache, das Giuseppe Verdi 1813 hier das Licht der Welt erblickte. Aber nicht nur für Verdi-Freaks, sondern auch für Freunde der Alten Musik hat Busseto etwas zu bieten – es ist immerhin Geburtsort von Tarquinio Merula (1595–1665), der sich zu seiner Zeit ebenso gewissenhaft und nachdrücklich wie später Verdi für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Musik und Sprache, zwischen Virtuosität und wahrhaftiger, wortbasierter Expressivität einsetzte. Montserrat Figueras konnte 1992 mit einer Sammlung von Arien und Canzonen Merulas die Faszinationskraft dieser Musik unter Beweis stellen: Hier wird auf breitester Affektpalette einiges an Dramatik, exzessiver Musizierlust und auch Verinnerlichung aufgeboten – auch Alte Musik ist, wird sie so leidenschaftlich umgesetzt, wahrlich nichts für weichliche Gemüter, Leisetreter und verpennte Langweiler. Mit Frau Figueras musizieren ihr Gatte Jordi Savall sowie Ton Koopman, Lorenz Duftschmid, Rolf Lislevand und Andrew Lawrence-King (Alia Vox/harmonia mundi AVSA 9862).

Nicht Kraut und Rüben, aber Streitigkeiten mit den österreichischen Justizbehörden haben den einstigen Wahl-Österreicher Thomas Hampson wieder in die amerikanische Heimat vertrieben, wo er laut eigener Auskunft seiner »Berufung, der Kunst, am besten gerecht werden kann«. Statt Backhendlsalat gibt’s nun wieder Clam Chowder, statt österreichischer Folklore vielleicht wieder amerikanische? Für die stimmungsvollen Lieder seiner Vorväter hat Hampson nämlich durchaus eine Schwäche – und auch ein recht gutes Händchen, oder soll man sagen: Stimmchen? 1992, noch vor der Zeit seiner zunehmenden Fischer-Dieskauisierung, begab Hampson sich mit einer Gruppe von Folkmusikern ins Studio, um bekannte Tunes des populären Songwriters Stephen Foster (1826–1864) ins Mikro zu seufzen: »Jeanie with the Light Brown Hair” schmachtet er hier bemerkenswert ungekünstelt und gefühlvoll, oder auch »Hard Times Come Again No More«. Letzteres hoffen wir für ihn – aber immer hübsch pünktlich die Steuern bezahlen, da kennt auch Uncle Sam kein Pardon (EMI 234 479-2)!

Zuletzt noch ein Dacapo fürs frühbarocke Italien: Die Sammlung mit römischen Kantaten für zwei oder drei Soprane von Luigi Rossi (1597–1653), die Stephen Stubbs und das Ensemble Tragicomedia 1992 für »Das Alte Werk« musizierten, dürfte aufgrund der mangelnden Bekanntheit von Komponist und Werk schon bei ihrem ersten Erscheinen nicht unbedingt die Charts angeführt haben. Was jedoch Barbara Borden, Emily Van Evera und Suzie
LeBlanc auf dieser nun dankenswerterweise wiederveröffentlichten CD hier an expressivem Wohlklang zelebrieren, hat bis heute nichts von seinem Reiz eingebüßt. Historisches Vorbild des barocken Dreigesangs ist das Frauenterzett Le Canterine Romane, das in den 1630er und 1640er Jahren zahllose Männerherzen eroberte und die künstlerisch Begabten unter ihren Verehrern zu Höchstleistungen inspirierte (Teldec/Warner Classics 2564 694555).

Michael Wersin, RONDO Ausgabe 1 / 2009



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