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Fanfare

Engelbert Humperdinck hat zwei bedeutende Werke für das Musiktheater komponiert, eines schöner als das andere. Das Problem an der Sache ist nur: Die meisten Menschen kennen nur eines von beiden. Dabei ist »Hänsel und Gretel« bei aller Liebe doch nicht gar so schön wie die andere Oper. »Königskinder« heißt sie und ist letztlich auch nichts anderes als ein wunderschönes (moralisches) Märchen. Der Zufall wollte es nun, dass wir just zu dem Zeitpunkt in Berlin weilten, als dieses wunderbare Werk aufgeführt wurde. Doch nicht an einer der drei Opern, die ja mal wieder in erstaunlichster Weise von sich reden machen mit Absagen und Skandälchen und so weiter und so fort, sondern in der altehrwürdigen Philharmonie. Dort nun begab es sich, dass Ingo Metzmacher das Humperdinck‘sche Werk aufführte, konzertant zwar nur, aber was heißt hier »nur«? Juliane Banse sang die Gänsemagd, Christian Gerhaher den Spielmann, Klaus Florian Vogt den Königssohn, und das genügte schon zum Glück. Uns jedenfalls.
Die Zürcher Oper, heißt es, wolle den smarten und markanten, indes wohl nicht ganz so pflegeleichten Metzmacher als Nachfolger von Franz Welser-Möst verpflichten und ans Haus binden. Na, dachten wir, das gucken wir uns doch einmal aus nächster Nähe an. Und so führte uns der Weg ins beschauliche Zürich, woselbst wir an der Oper Wagners »Tristan und Isolde« sahen und hörten. Metzmacher stand am Pult. Und er stand dort richtig. Denn dieser »Tristan«, in gewisser Weise auch ein Stück über Königskinder, glühte und blühte in einer so ganz unheroischen Art und Weise, dass es eine Wonne war.
Von Zürich aus fuhren wir nach Brüssel. Was nicht ganz richtig ist, weil wir, gewissermaßen interludierend, auf einen Sprung noch einmal kurz in Berlin waren, um den Klavierabend von Angela Hewitt zu genießen und einen Bach zu hören, wie ihn die Welt seit den besten Tagen einer Rosalyn Tureck nicht gehört hat, so rein und so klar und so wunderbar poetisch und plausibel und so leicht und so flirrend und so fabelhaft, ach, einfach so grandios, nein: göttlich. Das hörten wir also, aber dann fuhren wir wirklich in die belgische Hauptstadt. Dort gab es Dvorˇáks »Rusalka«, inszeniert von Stefan Herheim. Ein intelligenter Junge, mein lieber Herr Gesangsverein. Was dem alles einfällt. Auch für die »Rusalka« fiel ihm wieder so viel ein, dass wir gar nicht mehr wussten, wo uns der Kopf steht und den böhmischen Wald (oder war das der mährische?), jedenfalls den Wald vor lauter Bäumen gar nicht mehr sahen. Völlig benebelt verließen wir das königliche Théâtre de la Monnaie und reisten mit dem Nachtzug zurück über die Grenze.
Und bald darauf reisten wir erneut. Und da wir uns respektive Ingo Metzmacher die Treue geschworen hatten, blieben wir ihm und uns treu und besuchten das Silvesterkonzert des Deutschen Symphonie-Orchesters im Tempodrom (Foto oben). Es war die richtige Entscheidung. Denn das Konzert war, wenn wir das einmal so ausdrücken dürfen, ein Artistikum. Es gab artistische Musik von Berlioz, und Leute vom Zirkus Roncalli waren hinzugebeten worden, um dem Abend ein gleichsam manegenhaftes Flair zu verleihen. Was den Damen und Herren denn auch in faszinierender Manier gelang. Derart beglückt glitten wir glücklich hinüber ins Neue Jahr, in dem Sie herzlich begrüßt seien von
Ihrem Tom Persich

Tom Persich, RONDO Ausgabe 1 / 2009



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