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Kultursponsoring: Volkswagens »Gläserne Manufaktur «

Die im Glashaus spielen

Kaum hatte Volkswagen für den neue Phaeton in Dresden eine weltweit einzigartige Automobilfertigung, die »Gläserne Manufaktur«, errichtet, da quartierte sich schon am Ende des ersten Jahres ein unerwarteter Gast in der riesigen Eingangshalle des Hauses ein: Die Sächsische Staatsoper, vom Elbe-Hochwasser aus ihrem Semperbau vertrieben, führte vor der haushohen Glaswand mit der Fahrzeugproduktion im Hintergrund die Oper »Carmen« auf. Wie dieses und andere Ereignisse aus einem Industriegebäude bei laufender Produktion auch ein Haus der Kultur gemacht haben, erzählte VW-Manager Stefan Schulte RONDO an einem nasskalten Winternachmittag in der sächsischen Landeshauptstadt.

RONDO: Das Sponsoringengagement der »Gläsernen Manufaktur« unterscheidet sich von anderen durch die Art Ihrer Zuwendungen.

Stefan Schulte: Wir fördern Kunst, Kultur und Wissenschaft, indem wir ausgewählten Partnern für ihre Veranstaltungen eine architektonisch einmalige Raumfolge zur Verfügung stellen. Mit über 120.000 Besuchern pro Jahr ist dieses Gebäude in kürzester Zeit zu einem Besuchermagneten in Dresden geworden.

RONDO: Wie kam es zu dem inzwischen berühmt gewordenen Gastspiel der Sächsischen Staatsoper?

Schulte: Im Jahr der großen Flut, 2002, haben wir die Semperoper, die kurzfristig nicht bespielbar war, mit »Carmen« hierher in unser Haus geholt. Harry Kupfer hatte damals gerade in Warschau eine unvorhergesehene Pause wegen technischer Bühnenprobleme. Als er von der Misere mit der Flut hörte, rief er in Dresden an mit den Worten: »Ihr steckt im Dreck, ich auch – lasst uns was zusammen machen, ich schenke Euch meine Zeit.«

RONDO: Und über Nacht ...

Schulte: ... verwandelten mehr als 100 Künstler die Gläserne Manufaktur in eine Opernbühne, die räumliche Möglichkeiten bietet, von denen »echte« Opernhäuser meist nur träumen können: Treppen, Brücken und Foyer mit eingerechnet, standen Regisseur Harry Kupfer mehr als zehn Ebenen zur Verfügung, um Georges Bizets Liebesklassiker in völlig neuer Umgebung zu inszenieren. Die Staatskapelle, rechts von der Bühne platziert, wirbelte unter der Leitung von Massimo Zanetti los, als gälte es, auch die gegenüber liegenden Plattenbauten mit Musik zu versorgen. Binnen Sekunden fluteten die Akteure aus allen möglichen Räumen, Gängen und Treppen die halbe Manufaktur.

RONDO: Sogar ein Fahrzeug aus der angrenzenden Produktion wirkte mit.

Schulte: Das war eine Kupfer‘sche Idee: Ein Phaeton brachte Torero Escamillo im ersten Akt zur Arena, in einem VW-Bulli wurde im zweiten Akt das Diebesgut der Räuber verstaut. Und wenn die Zuschauer ab und zu zur Seite durch die Glaswand blickten, dann hatte der Lastenaufzug gerade wieder einen Motorblock zur Fertigungslinie gebracht.

RONDO: Das Haus spielte auch bei zwei Projekten zur musikalischen Gegenwart eine Hauptrolle.

Schulte: Sie meinen den Kompositionswettbewerb ...

RONDO: ... und die Ernennung eines »Capell-Compositeurs» durch Fabio Luisi.

Schulte: Ja, das ist eine besondere Geschichte. Sie wissen, dass die Sächsische Staatskapelle, deren exklusiver Partner wir sind, eines der ältesten, vielleicht sogar das älteste ununterbrochen bestehende Orchester der Welt ist, das in allen Epochen mit den bedeutendsten Komponisten zusammenarbeitete und weltbedeutende Uraufführungen schuf. Richard Strauss nannte die Semperoper mit ihrem Herzstück, der Staatskapelle, ein «Dorado für Uraufführungen».

RONDO: Und an diese Tradition knüpfte der neue Generalmusikdirektor Fabio Luisi mit der Ernennung eines «Capell-Compositeurs» an?

Schulte: Das ist ein Titel, den schon Johann Sebastian Bach bei der einstigen Hofkapelle innehatte und der in der Zusammenarbeit mit heutigen Komponisten wiederbelebt werden soll. Nach Isabel Mundry in Luisis erster Spielzeit ist der «Capell-Compositeur» in der Saison 2008/2009 der Österreicher Bernhard Lang.

RONDO: Der auch gleich zu Beginn seiner Amtszeit eine bemerkenswerte Klanginstallation für die »Gläserne Manufaktur« schuf.

Schulte: Lang hat eine alte Heinrich-Schütz- Motette aus der Barockzeit ausgegraben, eine historische Aufnahme der Staatskapelle Dresden, die er komplett zerlegte, »pulverisierte«, wie er das nannte, und wieder zusammenbaute (»übereinanderschichtete«). Daraus machte er eine Raumklang-Installation, die durch die Transportaufzüge in der Produktion ausgelöst wurde. Je nach Fahrtrichtung der Aufzüge lief sie in die eine oder andere Richtung durch den Raum – jeweils zwei, drei Minuten ein Klangerlebnis wie 1.000 Stimmen, die gleichzeitig singen.

RONDO: Bei dem schon erwähnten Kompositionswettbewerb spielte die Architektur Ihres Hauses auch eine Hauptrolle.

Schulte: Das ist inzwischen schon fünf Jahre her. Junge Komponistinnen und Komponisten waren aufgerufen, nach Dresden zu kommen, sich von der kühnen Architektur der Gläsernen Manufaktur inspirieren zu lassen und den künstlerischen und kompositorischen Möglichkeiten nachzuspüren, die sich für sie mit dem Raum, seiner Akustik und seinem Ambiente verbinden. Das Ganze stand in der langen musikalischen Tradition, Kompositionen für einen bestimmten Raum und seine Akustik zu schaffen.

RONDO: Dresden rief – und 180 Nachwuchskompositeure aus aller Welt, von Argentinien bis Japan, kamen.

Schulte: Ja, das war ein überraschender Erfolg. Sieger wurde dann schließlich der Karlsruher Komponist Matthias Ockert mit seiner Komposition »Diaphaneity« – zu Deutsch »Transparenz« – für großes Ensemble in sieben Gruppen und Live-Elektronik. Der Name ist eine Reverenz an die gläserne Architektur unseres Werkes.

RONDO: Für die beiden Festivals des Cellisten Jan Vogler, das Moritzburg Festival und die Dresdner Musikfestspiele, stellen Sie die »Gläserne Manufaktur« auch zur Verfügung.

Schulte: Die Musikfestspiele, bei denen Vogler im vergangenen Herbst Intendant wurde, stehen in diesem Jahr unter dem Motto »Neue Welt«. Wir erwarten unter anderem einen Konzertabend mit dem jungen New Yorker Dirigenten James Gaffigan, bei dem sich Antonín Dvořáks 9. Sinfonie »Aus der Neuen Welt« mit Großbildprojektionen zu einem spannenden Gesamtkunstwerk verbinden sollen.

RONDO: Veranstalten Sie manchmal auch Jazzkonzerte in der gläsernen Halle?

Schulte: Ja, wir haben auch sehr schöne Jazznächte hier verbracht. Die erste ganz große war mit Klaus Doldinger – mit alter »Passport« und neuer »Passports and Friends«. Und in diesem November hatten wir zwei großartige tributes, eine Nacht mit Oscar Peterson und seinen alten Mitstreitern und die nächste Nacht war ein tribute to Stéphan Grappelli.


Weitere Bilder und Informationen zur »Gläsernen Manufaktur« finden Sie unter www.glaesernemanufaktur.de.


Günter Bereiter, RONDO Ausgabe 1 / 2009



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