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Bo Skovhus

Wein, Weib und Gesang

Der 1962 im dänischen Ikast geborene Bariton galt in den Neunzigerjahren als das wohl seriöseste Sexsymbol der klassischen Gesangswelt. Inzwischen sind die wilden Jahre vorbei – Bo Skovhus singt Orchesterlieder von Schubert und Schumann. Auf dem heimischen Sofa in Wien, zwischen Aktzeichnungen und beim Tee, hörte Robert Fraunholzer die Bekenntnisse eines Bekehrten.

RONDO: Herr Skovhus, wo sind Ihre Haare geblieben?

Bo Skovhus: Nach der Salzburger »Hochzeit des Figaro« unter Nikolaus Harnoncourt habe ich es nicht mehr ausgehalten. Was ich dort auf der Bühne trug, war keine Perücke, sondern es waren meine eigenen Haare! Fein säuberlich um den Kopf geschmiert und drübergestrichen. Grauenerregend. Ich habe mittlerweile eine große kahle Stelle auf dem Kopf. Da habe ich mir ein Herz gefasst und den Rasierapparat angeworfen. Ein Befreiungsschlag. Nur eine hat mir den Kahlschlag bis heute nicht verziehen – meine Mutter.

RONDO: Sie galten immer als außerordentlich gut aussehender Sänger. War Ihnen das selbst wichtig?

Skovhus: Ich war wahnsinnig eitel. Wenn wir Sänger uns auf der Bühne präsentieren, wollen wir halt gut aussehen. Jetzt bin ich 46. Ich ziehe mir nicht mehr ohne weiteres das T-Shirt aus und singe auch nicht mehr Billy Budd. Auch mit Don Giovanni wird es irgendwann aus sein. Der sollte ein viriler, junger Typ sein. Ich muss mittlerweile, jetzt gleich nach unserem Gespräch, hier um die Ecke in ein Fitnesscenter gehen. Sonst kann ich es mir nicht länger erlauben, täglich mein Glaserl Wein zu trinken.

RONDO: »Singen ist nicht mein Leben, sondern mein Beruf«, haben Sie mehrfach gesagt. Was ist Ihr Leben?

Skovhus: Mit Singen verdiene ich mein Geld, ausgeben tue ich es für moderne Kunst. Schon meine Mutter war Kunsthändlerin.

RONDO: In Ihrer Wohnung sieht man vor allem Frauenakte.

Skovhus: Wenn ich das Geld hätte, würde ich mir einen echten Schiele gönnen und den falschen Klimt dort abhängen. Klimt ist Käse! Die Aktzeichnungen, die Sie hier sehen, stammen von einem dänischen Künstler, mit dem ich gut befreundet bin. Es gibt in meinen Augen nichts Schöneres als einen Frauenkörper. Nicht unbedingt Modelschönheiten. Es geht weder um dicke Brüste noch um große Ärsche. Sondern um Kunst. Freilich, darüber kann man ewig streiten.

RONDO: Mit Ihrer Frau?

Skovhus: Meine Frau und ich haben kürzlich, nachdem unsere gemeinsame Tochter inzwischen zwölf ist, endlich geheiratet. Unsere Tochter fand das zunächst gar nicht so toll. Weil ich davor immer der liebe Wochenend-Papa war. Jetzt beschäftigen sich die Eltern wieder mehr mit sich.

RONDO: Ist Ihre dritte Leidenschaft, Wein, schädlich für Ihre Stimme?

Skovhus: Nicht, wenn man ihn an freien Tagen trinkt. Ich bin Bordeaux- Fan, in Weinfragen total frankophil.

RONDO: Sie sind angeblich »aus Faulheit Sänger geworden« und haben es »manchmal bereut«. Nämlich dann, »wenn es in meinem Beruf drunter und drüber ging«. Ist dieses Gefühl mit den Jahren schlimmer geworden?

Skovhus: Eindeutig ja. Der Beruf des Sängers ist tödlich für alles Private. Das habe ich bitter lernen müssen. Der Beruf hat mich fast die Beziehung zu meiner Frau gekostet. Bis ich mich entschied, nicht mehr so viel in Amerika aufzutreten. Es hat viel Arbeit gekostet, wieder zueinander zu finden. Jetzt ist alles viel besser und intensiver als je zuvor.

RONDO: Ist Ihre Karriere zu früh losgegangen?

Skovhus: Ja, ich war jung und alles entwickelte sich ziemlich flott. Ich habe feststellen müssen, dass man nicht auf der gleichen Höhe kreativ arbeiten und gleichzeitig ein guter Familienvater sein kann. Meine Familie ist jahrelang mitgereist, aber jetzt geht das nicht mehr. Wenn wir Glück haben, können wir nach Salzburg oder Glyndebourne gehen. Dort kann meine Tochter Reitstunden nehmen, sie ist begeistert. Wie jeder Künstler brauche auch ich aber eine gewisse Abkapselung. Um zu mir selbst kommen zu können.

RONDO: Als Sie 1988 frühmorgens den entscheidenden Anruf aus Wien erhielten, waren Sie vom Alkohol verkatert und begriffen kaum, was man von Ihnen wollte. Keine Exzesse mehr?

Skovhus: Ich habe einmal mit Anne Sofie von Otter darüber gesprochen und wir haben gemeinsam festgestellt: Wenn wir jetzt noch so leben würden wie damals, lägen wir anschließend zehn Tage lang krank im Bett. Damals trank ich noch Bier und Aquavit, wie das in Dänemark üblich war. Außerdem fettes Essen. Wir haben manchmal nur zwei Stunden vor den Orchesterproben geschlafen. Ich bewundere meinen Freund René Pape, der viel mehr rauchen und trinken kann als ich.

RONDO: Sie werden in Wien auf der Straße erkannt. Schöne Sache?

Skovhus: Ich habe aus diesem Grunde 15 Jahre lang in Luzern gewohnt. Die Wiener sprechen einen auf der Straße an: »Sind Sie der Bo Skovhus?« Wenn ich dann »Ja« sage, antworten sie »Schön!« und blicken einen erwartungsvoll an, als solle man jetzt ein Kunststück machen. Ich habe bis heute nicht gelernt, wie ich darauf reagieren kann. Das Paradoxe an Wien ist, dass es ein tolles Publikum gibt, das einen allerdings mit Leib und Seele aufessen will. Man nennt das: »Weltberühmt sein in Wien«. Mein großes Vorbild und verstorbener Freund Eberhard Wächter hat dies meisterhaft beherrscht. Ich möchte mich aber manchmal unerkannt in Jogginghosen bewegen.

RONDO: In den 20 Jahren Ihrer Karriere ist die Wichtigkeit von körperlicher Attraktivität dramatisch angewachsen.

Skovhus: Das können Sie laut sagen. Die letzten sieben, acht Jahre waren in dieser Hinsicht katastrophal. Ich möchte nichts gegen Anna Netrebko sagen, die eine sehr gute Sängerin und eine tolle Kollegin ist. Aber: Wo ist die Grenze? Wo hört’s auf? Die Rollen und die Sänger werden heute besetzt, bevor ein einziger Ton gesungen wurde. Bei der Stimme lässt man fünfe gerade sein, wenn nur der Sex-Appeal stimmt.

RONDO: Auch Sie haben auf den CDs immer sehr gut ausgesehen.

Skovhus: Ich habe alles mit mir machen lassen. Aber gedacht habe ich, dass ich für das künstlerische Produkt einstehen will. Für das, was innen drin ist.

RONDO: Für Ihre neue CD mit Schubert- und Schumannbearbeitungen sind Sie nach Dänemark zurückgekehrt. Sentimental?

Skovhus: Warum nicht? Mein Freund Karl Aage Rasmussen hat die Schumannlieder extra für mich orchestriert. Stefan Vladar, mein Klavierbegleiter, hat sie dirigiert. Produziert hat der dänische Rundfunk. Dann habe ich das Ganze einer Plattenfirma angeboten. So funktioniert das heute. Man muss als Sänger auch immer ein bisschen Unternehmer sein.

Neu erschienen:

Schubert, Schumann

Leise flehen meine Lieder

Bo Skovhus, Danish National Symphony Orchestra, Stefan Vladar

Sony Classical

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2009



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