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Renée Fleming

Schönheits-Offensive

Die amerikanische Sopranistin gilt als »The beautiful voice«. Ihre Stimme klingt reichlich, luxuriös und üppig strömend. Mit Christian Thielemann hat sie eben ein neues Straussalbum aufgenommen. Robert Fraunholzer traf die Lady in Wien und sprach mit ihr über ihre Anfänge, Gewichtsprobleme und die Schwierigkeiten der Karriereplanung.

RONDO: Frau Fleming, man riecht ja gar nichts. Tragen Sie Ihr eigenes Parfum nicht?

Renée Fleming: Nur nach der Vorstellung! Dann wirkt es am besten. Anne, eine Freundin von mir und eine der erfolgreichsten Nasen der Welt, hatte früher schon Kleins »Obsession « kreiert. »La Voce«, so heißt es, riecht grün und exotisch. Trüffel sind drin und vielleicht ein bisschen Schokolade. Blumen wollte ich keine drinhaben, weil ich nämlich allergisch bin.

RONDO: Sie galten immer als »The beautiful voice«. Mögen Sie Ihre eigene Stimme?

Fleming: Ich glaube, ich höre nicht richtig hin. Wenn man eine CD macht, muss man sich endlos lange anhören. Nach fünf Tagen sage ich immer: »Gebt mir eine andere Stimme, ich kann es nicht länger aushalten.«

RONDO: Sie wirken heute ungemein vernünftig und illusionslos.

Fleming: Anders könnte ich den Erfolgsdruck nicht verkraften. Dieser Beruf sieht vor allem dann toll aus, wenn man ihn von außen betrachtet.

RONDO: Was ist so schwierig daran?

Fleming: Ich fühle mich eigentlich nicht sehr wohl damit. Ich erlebe mich als jemanden, der stark und vernünftig sein muss, um die Bälle alle gleichzeitig in der Luft zu halten. Ich bin nicht nur Sängerin, sondern auch alleinerziehende Mutter. Ich muss ehrlich sagen, ich weiß überhaupt nicht, wie ich das alles zusammenhalten soll. Vieles in meinem Beruf ist sehr chaotisch. Was Schallplatten betrifft, die Presse, das Fernsehen, die Vorbereitungen für Kostüme, das alles ist irrsinnig aufwendig und kompliziert. Mein Singen ist vielleicht 20 Prozent des Jobs.

RONDO: Werden Sie jemals Salome singen?

Fleming: Das Orchester ist zu groß – und es gibt keine Dirigenten mehr, die einen an der Hand nehmen und durch ein solches Stück führen. Die Soprane heute, auch hier in Wien, müssen zumeist schreien. Was mich ärgert: Vor 80 Jahren hätte ich Salome singen können. Ich hätte die Stimme dafür gehabt.

RONDO: Man kennt Sie seit 1992, als Sie bei Abbado im Silvesterkonzert für Cheryl Studer eingesprungen sind – als Marschallin.

Fleming: Damals war ich wirklich noch eine Anfängerin.

RONDO: Aber über 30. Hätte Ihre Karriere früher losgehen können?

Fleming: Man sagt es. Aber ich wäre nicht reif gewesen. Heute ist man mit 23 schon ein Star. Ich weiß nicht, wie die Sängerinnen das machen. Dass es so ist, hat nur mit der Konkurrenz zu tun. Wäre mir das passiert, säße ich heute sicherlich nicht hier.

RONDO: Heute wird alles Hollywood-Idealen angepasst?

Fleming: Genau das. Das Image hat die Leistung völlig überwölbt. Die Zeiten von »Opera is, when the fat lady sings« sind definitiv vorbei. Vielleicht werde ich eine der letzten sein, die heute noch, mit fast 50, in »Eugen Onegin« eine 16-Jährige verkörpern darf. Das hat sich erst zu meiner Zeit so fatal geändert.

RONDO: Das sagen Sie, die beinahe als Ikone des Schönheitskultes in der Oper betrachtet wird?

Fleming: Es ist nett, dass Sie das sagen. Aber das liegt nur daran, dass ich sozusagen zur Offensive übergegangen bin. Ich musste mein Image verbessern, um überleben zu können. Ich habe es für meine Töchter getan.

RONDO: Was haben Sie gemacht, um Ihr Image zu verbessern?

Fleming: Abgenommen. Und zwar über einen Zeitraum von zehn Jahren. Man muss die Stimme mit jedem Kilo, das fehlt, neu ausbalancieren. Die Tragödie von Maria Callas war es, dass sie zu schnell abgenommen hat. Ich habe lange gebraucht, um meine Stimme zu finden. Dann habe ich sorgfältiger auf die Fotos geachtet. Seit zehn Jahren arbeite ich immer mit demselben Fotografen. Ich träume davon, nicht schön sein zu müssen. Wissen Sie, dass ein Wunschtraum von mir darin besteht, keine Haare zu haben? Ich hasse Haare.

Neu erschienen:

Strauss

Vier letzte Lieder, Lieder und Arien

Renée Fleming, Münchner Philharmoniker, Christian Thielemann

Decca/Universal

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2009



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